Tinnitustranskriptionen.

Monolog. (1 MD / UA 2009 / T-U-B-E München / Regie & Performance: Patrick Schimanski)
 
HERBSTTÖNE 1

 

(Ein Innenraum, beinahe leer. Ein Bett. Bücher. Auf den Holzdielen zeichnen sich hell die Konturen eines Flügels ab, aber da ist kein Flügel. Ein Mann, zerstört, beinahe tot, liegt reglos da. Die Fingerspitzen dieses Mannes verselbstständigen sich, tippen rhythmisch auf die Dielen, der Mund des Mannes summt. Der Körper des Mannes will sich aufrichten.)
 
 
DER MANN: Tropfen. Tropfen. Tropfen. ES TROPFT DRAUßEN. Die Nacht tropft. Nein, es rauscht. In mir. Er ist noch da. Er rauscht. ER RAUSCHT. Mein PINIENWALD. Die Nacht tönt. Mein Kopf lärmt. EMPFINDUNGSGESCHREI IST NICHT MUSIK. Vergessen. Das klingt Wie vergehen. Vergangen. Vergangenheit. Ruhig. Ruhig. Aber:

 
Es lärmt noch, außerhalb von mir, in den Synopsen. Sie lärmt, die tönende Röhre mit Menschengestalten drin. Der U-Bahn-Tunnel, durchlöchert. Durchlöchert von einer Stimme, „BITTE HINTER DIE ROTE SICHERHEITSLINIE TRETEN. ZUG FÄHRT EIN.“ Aber die Stimme bittet nicht. Sie sagt nur Bitte. Mein erster Gedanke: Die Stimme in der Luft zerreißen. Oder den Lautsprecher. Morgentöne. Klänge. Tonlagen. Akzente. Wechselnde Tempi. Largo, Andante, Allegretto, Largo, Vivace, Presto, Lento. Ganze Körper laufen tosend an. Ich laufe mit, durch das Gewirr, das hörbare. Rapidamente Über die rote Sicherheitslinie. […] Ich setze mich, verstecke mich. Trotzdem: fremde Geräusche nähern sich mir, sind zu nah. Tranquillo, tranquillo, das kann ich ertragen. Molto tranquillo. Tranquillo. Subito möchte ich einen Strick nehmen und mich aufhängen. Wieder einmal aufhängen. Immer wieder: In der U-Bahn, Im Kaufhaus, Auf dem Klo drängt sich der Strick auf.
 
 
 
 
 
 
Ich will das nicht hören Und stelle mir die absolute Stille vor. Die absolute Stille, ich denke nur an die Stille. Nur Stille. Stille. Stille. Stille gibt es nicht. […] Kunststoffknistern. Kinderklatschen, immer noch. Metallenes Zersägen. Donnern. Klicken. Lautloses Frauenparfum. Rattern. Pfeifen. Zartes Klirren. Pfeifen. Ein drei-gestrichenes A. Murmeln. Säuseln. Klimpern. Hundegebell. Ein Lachen. Genauer, mein Lachen. Plötzlich: wie aus tausend Lautsprechern polyphoner Lärm, den ich nicht kenne. GasEXPLOSION. StaubEXPLOSION. EINE BOMBE. Keine Zeit mehr ein Papiertaschentuch in meine Ohrmuscheln zu falten. Das Aufnahmegerät, In meinem Koffer ist an. Erbärmliche Schreie, Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem von
 
 
FAUCHEN, SCHEPPERN, KREISCHEN,
HECHELN, KEUCHEN, SCHLUCHZEN,
KNALLEN, RAUNEN, KULLERN,
SCHABEN, SCHELLEN, SCHLIDDERN,
STAMMELN, TOBEN, DUNKELHEIT,

 
 
 
 
Erbärmliche Schreie, unmenschlich menschlich zerberstendes Empfindungsgeschrei. Beinahenaturlaute im Affekt, auch meine eigenen, trommeln nun hinein in mich. Im Empfindungsgeschrei verliere ich die Orientierung. EMPFINDUNGSGESCHREI IST NICHT MUSIK. Ich höre hin. Ich verstehe, was Schmerz ist. Das erste Mal höre ich, was Stimmbänder auszudrücken vermögen, wie Angst klingt. Mein Aufnahmegerät ist an und muss an sein Für dieses WUNDERWERK. Mein Geist steht still. Jemand fällt auf mich. Ich falle. Ich fühle mein Aufnahmegerät nicht mehr. Fühle es versehrt und fern. Das ist der Tod. Ich stürze. Es trifft mich tief drinnen im Körper, im Schädel. Mein Gleichgewichtssinn gerät aus dem Gleichgewicht. Ich stürze also um wie ein gefällter Baum. Plötzlich pocht Schönheit in meinem Ohr. Mein Mund summt:
 
 
TRAURIG LOS EIN MENSCH ZU SEIN.
MENSCHSEIN MACHT MÜDE,
DENKE ICH. UND:
JETZT IST ES AUS MIT MIR.
  

Ein sonderbares Finale. TINNITUS. DANN ENDLICH.
 
* * *