Dies ist ein Online-Lyrik-Projekt in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Frank Jacob. Das Copyright der Fotos auf dieser Seite liegt bei ihm.

IRRTÜMER

Nun irre ich also

Durch Zugabteile und

Von Bahnsteig zu Bahnsteig

Von Stadt zu Stadt. Aber

 

Sind Städte wirklich Frauen

Wie du sagst? Und jede so ...

Wie sagtest du? Besonders?

 

Ich irre also

Von einer Bar in die übernächste

Und von deinem Bett in sein Bett:

 

Die Zigarette im Mund

Den Koffer im Herzen

Leer manchmal.

VIELLEICHT HAST DU RECHT

Ich bin eine Welle

Und jeden Moment

Eine Andere

Und nicht zu fassen

Ich trage dich

Ich hülle dich ein

Ich breche über dir

Ich tauche dich unter

Werfe dich ans Ufer

Ich bin winzig und glatt

Und wieder groß und gewaltig

Still und Tosend

Dann schäume ich

Und bäume mich auf

Ich stürze hinab

Ich löse mich auf

Ich dufte nach Salz

Und du schwimmst

UFER

Der Sturm ist nun vorüber

Mein Schiff liegt im Hafen

Und ruht

Das Herz wiegt sanft auf und ab

Das Vogelgeschrei ist verstummt

Der Wolkenbruch auch und die Blitze

Am Grund

Die Wunden heilen im Licht

Ich übe mich im Verzeihen

 

Ich verzeihe mir den Sturm

Das zerrissene Segel

Den abgeblätterten Lack

Das Wasser an Deck

 

Ich setze die zittrigen Beine

Ans Ufer

WENN DAS MEIN MORGEN IST

Die Frau auf dem Fahrrad, unten auf der Straße,

Niesel, Niesel, Fäden, auf dem Dach der

Zuckerwattenbude, nicht süß

der Kaffee auf der Zungenspitze, vielmehr

stark und bitter, wie die Gedanken, jetzt noch

schläfrig, missvergnügt, doch da

tanzt etwas im Ohr und vor den Augen

und ich will

mehr davon, viel mehr, heute

morgen und immer ...

WAS WEISS ICH?

All jene, die du einst geliebt

Sind lange noch nicht fort

Du trägst sie noch bei dir.

Und ohne es zu wissen?

 

Ich sehe dich ratlos an und

Spüre ihren Atem an dir.

Ich weiß, dass ihre Häute

Deine Haut gestreift haben,

Wie nun die meine,

Deine streift und auch die

Deiner Verflossenen.

 

So weiß ich auch,

Dass ich nicht die Erste bin,

Die dich berührt.

Auch nicht die Letzte?

Was weiß ich?

FENSTER SCHLIESSEN - JETZT!

Da muss man doch auch mal

Das Telefon ausschalten,

Die Augen abwenden,

Die Fenster schließen,

Die Vorhänge zuziehen,

Fort gehen in sich.

Da muss man doch auch mal

Den Schal um die Seele wickeln,

Die Gedanken trösten,

Die Lippen versiegeln,

Die Fäuste ballen und

Um sich schlagen.

Bevor es zu spät ist, dafür.

ZEIT

Mein Herz ist eine Uhr,

Ein tickender Lappen,

Ein pochender Zeitzünder.

Mein Herz ist eine Bombe.

Und ungeduldig.

KÜSSE. GESTERN. ANGETAN.

Während du einschläfst, vergesse ich dich.

Abschied am wehrlosen Körper.

 

Gerade bist du noch Erinnerung.

Dein blasser Rücken schweigt.

 

Du regst dich nicht, während ich dich auflöse.

Ob das Erlösung ist?

 

Wenn du aufwachst, sind WIR fort.

 

Ob das Erlösung ist?

Oder Verrat am Schlafenden?

 

DOMIZIL

Mit weit aufgerissenem Brustkorb

Irrst du durch die Welt. Und ich?

Ich möchte ankommen. Dort: In dir.

BITTE:

Flüstere

mir

mein Meer

glatt.

PHANTOMSCHMERZ

Ich berühre dich nicht?

 

Und doch trage ich

deine Hand an meiner Wange

dein Gesicht auf meinen Lippen

deine Tränen auf der Zunge

 

Ich trage

deine Stimme in meinem Ohr

deinen Schweiß auf meiner Haut

deine Gedanken unter meiner Stirn

 

Immerfort berührt von dir

ABENDFÜLLENDE KÖRPER PRÄGEN

Körper sind Körper und süß manchmal Nähe

Ist begrenzt im Jetzt und Bedeutung vergeht

In der Zeit Da hilft es die keimende Angst

An der Wand zu zerschlagen Ein Zustand

Ist abendfüllend Vielleicht nicht gerade Ewigkeit

Aber man kennt einander ehe man sich vergisst

So oder so werden Narben gezeichnet Doch

Nähe ist Nähe ist Nähe ist Nähe manchmal

DAS SCHWEIGEN VOR DER STILLE

Ich habe dich in meinem Ohr, obwohl der Sommer lauter ist als sonst. Ich frage mich, ob du noch lebst. Du schweigst, also musst du tot sein. Du musst tot sein, ganz natürlich. Wie sonst erkläre ich mir diesen Zustand? Aber was, wenn du gerade lachst, dich unterhältst, liest, duschst, trinkst, schreibst. Was, wenn du sogar glücklich bist oder auch nur gelaunt. Was, wenn du denkst – und du denkst immer - und nicht über mich, an mich, um mich herum oder zärtlich, wie du sagst.

BITTE SICH FESTZUHALTEN

achtung. auftritte freihalten. bitte sich festzuhalten... morgens, an dem rotgelockten kind, das auf seiner lippe herumkaut?an dem geblümten bügelbrett, das versehentlich auf meinem rechten fuß abgestellt worden ist?an dem käfig mit der mageren katze, der von dem hageren mann mit den leeren augen umklammert wird?schwarzfahren führt zu verspannungen - natürlich, natürlich. türen öffnen und schließen selbsttätig. Ich denke an die Möglichkeit einer Notbremsung und weigere mich die Haltegriffe zu benützen. Anlehnen verboten. Wo also (heute auf dem weg zum arzt, das hypochondrische wesen still zu legen) bitte mich festzuhalten? an der zunge des kindes, die es mir soeben herausstreckt, an der tatze der katze, den knien des leeren mannes, den blumen auf meinem fuß? da endlich, festhalten: an der notbremse (missbrauch strafbar), am nothammer (bei gefahr scheiben einschlagen). ich unterschätze nicht die fingerfertigkeit von taschendieben und beobachte die bügelbrettfrau mittlerweile skeptischer. rauchen ist auch verboten. wagen (nr. 661) hält. wie zum teufel funktioniert die tür-notbetätigung? und weshalb ist der verbandkasten am fahrerplatz. lach-haft, steht da. ich überlege, wer hier meinen sitzplatz nötiger bräuchte, sofern ich einen hätte (sehen sie nicht weg) und suche den wagen nach älteren oder körperbehinderten personen ab, denen ich unaufgefordert platz machen könnte (danke). endlich eine horde kinder, mit rosa mützen, mädchen nur, die den käfig ignorieren und mit der katze spielen wollen. bitte sich festzuhalten. gerne. 

WIE LANGE BIST DU HER?

Heute bin ich schweißnass aufgewacht

Und wollte mich verlieben

Doch neben mir lagst Du

Und Du bist lange her

 

Du wachtest schweißgebadet auf

Und warfst mir ins Gesicht

Du willst dich heut verlieben

Nicht? Und wir sind lange her

 

Deine Worte ließen meine Wangen brennen

Wir liebten uns, entliebten uns für morgen

 

Heute bist Du schweißnass aufgewacht

Und hattest dich verliebt

Ich liege längst im fremden Bett

Doch Ich bin lange her

 

Und was wird übermorgen sein?

DAS ERSTE MAL

Nur einmal wieder sich verfärben im Frost

 

Oder herzflimmernd weinen

Oder schneeerne Haut betasten

Oder Alpträume jagen und schreiend erwachen

 

Einmal wieder

Von Sinnen sein

An Küssen ersticken

An Gedanken ertrinken

An Wut zerbersten

An Körpern verzücken

 

Noch einmal alles sein im ersten Mal

Erste Mahnmale aus der Erinnerung reißen

 

Auslöschen:

Das Herz

Den Schnee

Die Jagd

Die Küsse

Den Rausch

Die Scherben

Das Zittern

 

Einmal wieder ein erstes Mal erahnen

DER NICHTSCHWIMMER UND DAS MEER

Du sagst, ich wäre das Meer

Darin: Kein Zufluchtsort

Kein Raum für deine Schwäche

Ein Strampeln nur in der Ekstase

Zittrige Glieder und Schnappen nach Luft

Es laugte mich aus, dieses Meer, sagst du

Nun stehen die Wellen ja still, sage ich

STILLE

Wenn ich schmerze

Wie ein

Gehörsturz

Du mir deine Schulterblätter zeigst

Und ich dabei nicht träumen kann

Frage ich hinein in das Zittern:

 

Kann man sich zudecken

Kann man sich zudecken Mit einem anderen Körper?

 

Tinnitus

Dann

Endlich

 

ERNST

Ernst streifst du mich an der Hand

Lachend bettest du mich

Auf eine Müllhalde

Ich warte auf’s Einschrotten

Aber ich warte mit dir

 

Glas zerbirst

Ein Strafzettel

Ein Haar

Ein Schlüssel

Ein Schwangerschaftstest

Ein Koffer

Eine Glühbirne

Ein billiges Piano

Ein Fingernagel

Eine Postkarte

Ein Zuckerwürfel

Eine Bettkante

Ein Telefongespräch

Rottöne

Lachfalten

Raucherlungen

Überraschungsfeiern

Tränensäcke

 

Und wieder

Und wieder

Presst du mich

Beinahe phantasievoll zusammen

Zu einem Paket aus beschriebenem Papier

WITH LOVE

Ich steige stumm auf die Barrikade

Stoße dich ein wenig um

Gerade so

Dass du mich ahnen kannst

 

Ich schweige dich an

Entdecke deine Hand nicht

Gerade so

Dass es mir nur zugestoßen sein könnte

 

Ich strauchle dir ins Wort

So dass deine Pointe ersäuft

Gerade so

Dass du nicht errätst

Dass etwas mit deinem hübschen Gesicht nicht stimmt

PHANTASIE

Du liebtest mich nicht

Du küsstest mich nicht

Und dennoch liebküsste ich dich

Auf meine Art, irre und wahr

In der Phantasie mit Gefühl

 

Ich liebte dich nicht

Ich küsste dich nicht

Und dennoch liebküsstest du mich

Auf deine Art, irre und wahr

In der Phantasie mit Gefühl

 

In der Wirklichkeit aber

Begegneten wir einander niemals

WIE DICH ERKLÄREN?

Man fragt nach dir

Wie soll ich dich erklären?

Es ist der Schwarzäugige mit dem Königsgang.

Es ist der, der unsichtbare Tränen weint.

Es ist der mit dem ruhelosen Gehirn,

Mit zarten Gedanken und hilflosem Zorn.

Er ist der, der mit warmherziger Stimme meine Tage erfüllt,

Der mich ängstigt mit seiner gnadenlosen Aufrichtigkeit.

Er ist der, der bleibt in meinem Licht, meiner Dunkelheit.

Und meist ist er fern und nah zugleich, mein Gefährte.

GERÜCHE SIND JA MENSCHEN

Gerüche, das sind ja Menschen, muss ich sagen. Mein Opapa, zum Beispiel. Ich habe seine angebrochene Parfumflasche geerbt. Seit der Opapa nicht mehr ist, steht die auf der Kommode, gleich neben der Fotografie vom Opapa: darauf er schwarz-weiß, lebendig noch, nicht tot wie jetzt. Ich öffne also den Flakon vom Opapa und rieche daran. Schon ist er hier, ganz nah bei mir.

Mein Vater hat sich übrigens mehrere Flaschen des Parfums vom Opapa auf Vorrat gekauft. Die Fläschchen, die sind sicher aufbewahrt, eingeschlossen in der Schublade des Sekretärs. Zu wichtigen Anlässen nimmt der Papa den Opapa aus der Schublade. Ja, der Papa nimmt den Opa mit. Der Opapa war auf unserem Weihnachtsfest. Und auch, wenn Entscheidungen zu treffen sind, sitzt der Opapa, der Duft vom Opapa mitten im Familienrat. Der Opapa liegt sozusagen in der Luft und wir, wir atmen ihn dann ein.

GLÜHBIRNEN

Der weiße Topf mit den Blumen, das Geschirr, ja das Geschirr, welches sie vor vierzig Jahren, nicht wahr, dieses, dort, bei mir jetzt. Dort drinnen die Milch, die Milch in der Bierflasche, die Milch im Mund, Lider geschlossen. Die weiße Madonna, das Weihwasser, weshalb diese Kerze, welche sie seit vierzig Jahren, nicht wahr, dort oben, bei mir jetzt, im Fenster.

- Glauben muss man, sagt sie.
- Glauben, ja, glauben.
- Wer nicht glaubt, sagt sie.
- Ja, dem, der nicht glaubt

an Glühbirnen auf Ästen, nein, Weinranken, gegen die Vögel, und Pralinenpapier, farbig wie Frost, der ist nicht auf dem Bild, nur der Schlitten auf ihr, ich auf ihr, löchrige Handschuhe auf ihren großen weißen Brüsten, dem langen dünnen Haar in der Erinnerung, den Augen, den grauen, aber jetzt, aber jetzt die Schritte so langsam, seit seit seit seit ... sie darf ja nicht, durfte nicht, niemals, auch nur irgendwo hin gehen, wie das eben so war, früher.

Der Bus, die Tulpen umklammert, die Maiglöckchen daneben, gewunken hat sie heute nicht, war sie denn müder als sonst?

- Nein, glauben muss man, sagte sie.
- Glauben, ja, glauben, sagte ich.
- Wer nicht glaubt, sagte sie.
- Ja, traurig der nicht glaubt, sagte ich bei mir.

SCHMALE GEHWEGE

er merkt an, die gehwege in graz seien zu schmal.

 
- wir sind nicht in der großstadt.
- zu schmal sind die.
- mag sein.
- und die menschen laufen ohne rücksicht.
- der stärkere gewinnt.
- ich weiche immer aus.
- bei alten menschen, ja.
- immer muss ich ausweichen, weil /
- du nicht anders kannst.
- wie die mich ohne rücksicht immer ausweichen lassen.
- ja, eben, der stärkere gewinnt.
- in der großstadt, das sucht sich jeder seinen weg /
- mit respekt /
- gegenüber den körpergrenzen. aber hier /
- sind zu wenig menschen, keine massen /
- durch die man seinen weg bahnt.
- es sind zu wenig menschen hier /
- zu wenig um rücksicht zu nehmen /
- auf die anderen, die da noch laufen /
- auf viel zu schmalen gehwegen.
- verletzt dich das?
- die verletzten körperräume, ja.
- du musst weitergehen.
- das kann ich nicht.
- du musst durch sie hindurchsehen
- und einfach weitergehen. das kann ich nicht.
- du musst direkt auf sie zurennen. sie werden ausweichen.
- nein.
- du musst beim direkt-auf-sie-zurennen deine tasche schwingen. so.
- so?
- genau so.
- versuch es.
- nein.
- versuche es.
- nein.
- dann sprich mir nicht von zu schmalen gehsteigen und /
- ja. und?
- und hau ab in deine eigene stadt
- das werde ich auch
- der stärkere gewinnt in kleinen städten
- kulturhauptstädten
- das kulturelle erbe, ja. schwing deine tasche. jetzt.
- so?
- härter.
- gut so?
- besser.
- so?
- ja. jetzt noch den blick geradeaus.
- starr.
- ja, sehr starr, stur. etwas blinder noch.
- so?
- ja.
- jetzt, hab ich es. das fühlt sich gut an.
- gut.
- ich fühle mich gestärkt und stur und
- ja?
- wie sich das anfühlt. ich, der stärkere, der monarch des gehweges, des kulturerbes,
  dieser scheiß provinzstadt, ich, der, der nicht ausweicht, der beschwingte, der
  gestärkte, der stärkste /
- achtung, pass auf jetzt, ein alter herr mit stock.
- und: AUSWEICHEN JETZT!
- PLATZ MACHEN!
- HIER, körper an das schaufenster. SCHNELL, JETZT!
- kommt er vorbei?
- ich hoffe, ja.
- sieht gut aus, ja.
- recht hast du.
- GRÜSS Gott!
- Grüß GOTT!
- …
- fort ist er.
- geradewegs an uns vorbei.
- nicht von seinem Weg abgekommen.
- nicht ausgewichen.
- fabelhaft.
- ich freue mich.
- ich liebe dich.
- aber jetzt schwing die tasche wieder.
- aufgepasst, da kommt jemand.
- gut so.
- auf die plätze, fertig, direkt-drauf-los-rennen!

NACHTGEDANKEN

Nachtgedanken

Surren

Rotieren

Hinab bis in die Zehen

Herauf bis in die Wimpern

Sie spinnen sich

Von Muttermal zu Muttermal

Sie dringen

An die Stelle im Herzen

Wo die Träume umherhinken

Und machen

Zuweilen

Wonnetrunken

Murmeln

DAS MELANCHOLISCHE KIND

Schnee bricht von meinen Wangen Damals schon

gefror mein Lachen wofür niemand etwas konnte

Denn ich war ein glückliches Kind

 

Ich träume nicht mehr Nicht einmal mehr von

Schnee Ich musste ja eines Tages von mir eilen

Und jetzt will ich deshalb nie wieder schlafen

 

Aber ich sehne mich nach mir Manchmal

Das kommt immer seltener vor Nur wenn Schnee

Von meinen Wangen abstürzt und sich ballt

 

In mir Und das ist nie Nie wieder das erste Mal

Dass jemand schlafwandelt in meiner Jahreszeit

Begraben unter meinem Schnee

 

TAG

Der Wind war

Längst vergangen.

Sie wollte den See

Verschlucken und

Ernst sein dabei.

 

Die Sonne war

Längst vergangen

Sie wollte sich reinwaschen

Im Regen Oder

Warten und sehen

Ob der Hagel

Sie erschlagen würde.

 

Alle Fragen waren

Längst vergangen

Es tönte in ihr drinnen,

Aber sie hörte es nicht.

 

Alles Wissen war

Längst vergangen.

Sie wartete, ob

Die Dämmerung

Sie entzwei hauen würde.

 

Weshalb wurde es nie

Nacht um sie?

AUF DER SUCHE NACH DER ANDEREN

die andere geht nicht ans telefon.

- schläft sie? schneidet sie holz vor dem haus? hat sie das klingelnde
 etwas in der badewanne mit den seerosen versenkt? ist sie gestürzt? wird
 die nachbarin sie finden? wird die nachbarin daran denken, die eine zu
 verständigen?

die andere geht nicht ans telefon.

- schläft sie noch? um fünf uhr morgens, nein, längst nicht mehr, das kann
 nicht sein. ist die andere auf dem weg zum bus, um in die stadt zu fahren?
 sitzt sie schon in dem heruntergekommenen café auf dem einst noch so
 prächtigen platz? liegt sie in hinter ihrem haus, im garten?

die andere geht nicht ans telefon.

- fischt sie gerade semmelkrümel aus einer tasse kakao und beobachtet
 die menschen draußen auf dem gehsteig, neugierig, wie sie es gerne und
 stets schamlos tut? kniet sie in der kirche, in der sie getraut worden ist,
 und die mutter getauft? betet sie schon?

 
denn dienstags und freitags kniet und betet sie in der stadt, dienstags in der einen kirche, aus der drei wochen zuvor alle messgewänder von einer lieben alten gestohlen worden sind, freitags in der kirche, in der sie dem mann, der wie immer auch an diesem tag in einem rollstuhl saß, ihr "ja ja" gegeben hat bis, dass der tod, ja ja, jahre ist das her ...
 
die eine macht sich auf den weg. die türen der kirche, in welche die andere den mann hingeingerollt und den sarg, darin der mann dann schließlich ohne rollstuhl, hinausbegleitet hat, sind: verschlossen. die frau hinter dem tresen in dem café, in dem die andere beobachtet während sie ihre tasse kakao trinkt, hat die andere heute noch nicht gesehen:

- sie wünschen?
- ist heute früh eine ältere dame hier gewesen?
- nein.
- sind sie sicher?
- sehen sie nach, dort, ganz hinten sitzt eine dame /
- eine ältere?
- ich möchte niemanden beleidigen /
- versteht sich.
- aber sehen sie doch selber nach.
- danke.
- bitte.
- nein, nein, das ist sie nicht.
- also dann /
- auf wiedersehen.
 

die eine erinnert sich an die andere kirche, die kirche ohne messgewänder. die türen dieser kirche: offen. kerzen flirren, ein pfarrer, der da spricht vom ewigen leben, seine krücke lehnt neben dem altar, das gold dahinter blendet. die eine legt die hände an die scheiben, drückt ihre nase an das glas und sucht die rücken nach dem rücken der anderen ab. krumme rücken, gebuckelte rücken, dort ein breiter rücken. auf dem breiten rücken, kein graugelocktes kurzes haar, nein, der weiße, zu einem knoten gesteckte zopf der anderen. die eine stürmt also hinein, nach vorne zum breiten rücken der anderen, legt ihren motorradhelm still auf den roten polster, auf das dunkle holz darunter. die andere blickt herüber, fasst rasch die hand der einen, drückt sie. beide frauen, die alte und die junge, knieen jetzt auf dem dunklen holz, das blattgold blendet, immer noch, die krücke neben dem altar im blick, verschwimmt. das "der friede sei mit dir" hatte die eine, seit sie dreizehn war, nicht mehr gehört und nimmt erstaunt die fremden hände entegegen, die sich ihr nun entgegenstrecken. gerade wird gesungen. die andere trifft nicht einen ton, die eine, neben ihr, singt wohl ein anderes lied. 

kommunikation XLI - der rot-schwarz karierte koffer

seit zehn jahren nun, weiß die andere nicht mehr, wohin sie mit ihrem schwarz-rot karierten koffer reisen soll. den koffer wird sie irgenwo abgestellt haben, neben der gefriertruhe, darin gerupfte hühner und butter. im schlafzimmer vielleicht, dessen tür sich lange lange nicht mehr öffnen lässt, die gesammelten kleider der verstorben füllen das zimmer ja schlussendlich hinauf bis an die decke. die türe öffnet die andere nur noch, wenn sie alleine ist. die beiden bilder über dem doppelbett sind auch für die andere lange nicht mehr sichtbar, nur noch erinnerung (war maria dort oben eingerahmt, war es jesus? waren es beide? und wer von den beiden hing links, wer rechts naneben? trug er ein blaues gewand? trug sie ein weißes gewand? oder war es eierschalenfarben oder doch nur blass, rosa vielleicht? aber doch mit heiligenschein, mit einem heiligenschein doch sicher, oder doch doch nicht, sicher nicht?) wie auch immer, den koffer wird sie irgendwo im haus, im keller, der scheune abgestellt haben. womöglich wird er noch gefüllt sein, im inneren. der platzmangel zwingt die andere ja doch dazu, jeden winkel, jedes größere elektrogerät, jedes behältnis, mit etwas anderem, geringeren ausmaßes aufzufüllen.

 
früher: stand die andere mit dem schwarz-rot karierten koffer vor der tür unseres hauses (einen eigenen schlüssel zur tür hatte man ihr nie gegeben), unangemeldet meist, stand sie da. überraschend tauchte sie immer dann auf, wenn in dem haus jemand krank geworden war. meist war es eines der kinder. wenn in dem haus, es war das letzte haus auf einem hohen hügel, den man im winter nur mit äußerster vorsicht verlassen konnte (beim herabsteigen hatte sich die andere nicht nur einmal das bein gebrochen), am ungefährlichsten war der abstieg per schlitten oder auf schiern (die andere jedoch, hatte nie gelernt sie  schier für fahrten ins tal zu beherrschen), wenn in dem haus hilfe gebraucht worden war, hatte die andere von sich heraus erfahren (das blieb mir ein rästel, ihr geheimnis gar) und kam angereist, mit ihrem schwarz-rot karierten koffer.
 
damals ging die andere immer wieder, in unregelmäßigen abständen, mit dem besagten koffer (wo zum himmel  ist der koffer jetzt?) aus ihrem haus, auf die straße, den garten entlang. die andere verließ ihren garten, tagelang, wochenlang auch, lief zur haltestelle, stieg ein in den bus (immer trug sie einen wilden strauss blumen bei sich, der die ganze reise über, je nach größe, mehr oder weniger weit aus ihrem lederbeutel hing oder ragte). sie bezahlte also beim fahrer, stellte den koffer ab, darauf den beutel, darin unter anderen dingen, die blumen, setzte sich und sah die ganze fahrt über aus dem fenster, wenn nicht und immer, immer wieder auch auf die anderen, von denen manche ebenso zu ihren familien aufgebrochen waren. meist schwieg sie nicht auf diesen reisen. die andere schweigt nie lange in gesellschaft. in gesellschaft unterhält sich die andere gerne mit fremden.
 
sie unterhält sich mit fremden bis der bus nach einer stunde an einer haltestelle, direkt vor einer apotheke, in einem kleinen, unaufgeregten ort hält. die andere grüsst den fahrer zum abschied, bedankt sich (bedankt sich auch heute noch bei den fahrern eines jeden buses) und winkt den anderen, die weiterfahren zum abschied. mit dem rot-schwarz karierten koffer und der tasche, darin die blumen, kräuter und schokolade geht sie an einer telefonzelle vorüber, die sie nicht vor hat zu benutzen. den ganzen weg, bis zum haus auf dem hügel, wird die andere, die nicht mehr jung ist, mit koffer in der einen und tasche in der anderen hand, laufend zurücklegen. wenn nicht ein auto, oder der winzige bus, der ins dorf fährt, anhält, um sie mitzunehmen, wird sie eine stunde und achtzehn minuten (etwas länger, falls sie auf dem weg etwas findet, das sie aufheben und in ihren beutel packen möchte und auch packen wird) zu dem haus auf dem hügel laufen. etwas atemlos wird sie ankommen, vor der türe, zu der sie keinen schlüssel hat und nie einen gehabt haben wird (das haus wurde verkauft, vor jahren schon).

kommunikation XLIII - überschwemmungen

die andere erzählt wieder:

ich lief mit meinem koffer, einem schirm die straße entlang, regen, regen, regenfäden, nadeln, stangen, wasser überall. da war die straße keine straße mehr, dort war die straße ein fluss - ich konnte nicht schwimmen und kann es heute noch nicht - und der weg, die straße, der fluss war ein strom, und es wurde nacht. ich aber hatte angst zu ertrinken, setzte mich auf einen hügel aus steinen, schotter und sand und wartete. kein mensch, keine seele hier draußen bei mir, nur drüben ein haus mit fenstern, beleuchtet, hinter geschlossenen gardinen. der regenschirm löchrig, wasser tropfte auf die nase, rannte in meinen mund. ich hatte durst und trank, hatte angst zu ertrinken in diesem wasser - ich konnte nicht schwimmen und ich kann es heute noch nicht - aber ich traute mich nicht zu dem haus mit den hellen fenstern, wagte es nicht anzuklopfen mit den nassen, löchrigen schuhen, dem nassen zopf, den wässrigen augen, zu sagen: entschuldigen sie, ich ertrinke gerade da draußen. ich wartete. morgens kam ein geräusch heran, ein motorisiertes. als der fahrer des wagens mich erblickte, trat sein fuss auf das gaspedal. eine hexe, dachte er, auf dem schotterberg, und raste voller angst an dem nassen mädchen, der beinahe-schon-frau, vorüber. das wasser fing an sich zurückzuziehen. ich aber stand auf, nahm koffer und regenschirm und lief weiter.
 
- ich bin nicht ertrunken, sagt die andere.
- deine tochter hat schwimmen gelernt, gestern, sagt die eine.
- wir alle haben angst vor dem wasser, das liegt in der familie.
- nicht mehr, antwortet die eine.
- ich konnte nie schwimmen, ich kann es heute noch nicht und ich lerne es
  auch nicht mehr in diesem meinem alter.
- und du lebst ja.
- noch, fügt die andere hinzu.
- noch, wiederholt die eine.
- natürlich, sagt die andere, ich bin nicht ertrunken /
- und du wirst auch nicht mehr ertrinken in deinem alter.
- natürlich, ich bin zu alt, um zu ertrinken.
- natürlich, du hast zu lange gelebt, um zu etrinken.
- als nichtschwimmerin.

kommunikation XLV - überschwemmungen I

die eine sieht aus dem fenster, auf den koffer und den blauen rucksack gegenüber und auf den denker, dessen kinn auf der brust liegt, er ist eingenickt inzwischen. landschaften ziehen vorüber, der bus fährt geschmeidig in die scharfen kurfen und bremst abprubt, kommt rechtzeitig, noch hinter dem traktor zum stehen. landschaften ziehen vorüber, der bus hält, sie, die frau nimmt den rucksack, er den koffer von der ablage.

 
 
 
der mann und die frau steigen in das auto, das sie zum haus bringt. die garage steht offen, die kisten, die sich bis zur decke stapeln, sind von schlamm und wasser aufgeweicht, ebenso: sofa, eislaufschuhe, kleider, ein teddy-bär. die mutter steht in der küche, am waschbecken wischt sie gerade den schlamm von einem foto, das einen herren mitte dreißig, mit hut, sonnenbrille und zigarette zwischen den lippen, hängend, zeigt: der tote bruder, der anderen, erklärt die mutter, fährt mit der hand über die glatte schwarzweiße oberfläche. "kehlkopfkrebs", fügt sie hinzu und lächelt erst die besucherin, dann den besucher an. freudig erwidert die eine: "es ist ja niemand ertrunken, zum glück." das "danke" der mutter hören die beiden nicht mehr.
 
 
 
die eine zieht die schuhe aus, zieht die hosen und das t-shirt aus und tastet mit den zehen im schlamm herum. schon wirft sie kleider auf einen berg, den computer, die schischuhe, den bären auf einen anderen, zieht bücher dort, dort auch ihr tagebuch aus dem wasser, kniet sich in den dreck und schaufelt mit ihren händen schlamm in einen eimer, einen zweiten, einen dritten. der denker aber, beobachtet, noch. "technologie" flüstert er,  schreit er hinaus, hinüber zu ihr, als er mit dem schuh auf eine glasscherbe tritt, "natur" entgegnet sie; die frau, macht behutsame schritte, der schritt ist ja ein gleiten, die füße schlittern bei jeder bewegung. sie zerrt einen gartenschlauch herbei und starrt den anderen an. der aber, beobachtet, immer noch. sie gießt den denker, an den füßen erst, dann an den beinen, besprüht seinen kopf am ende. der mann zieht die schuhe aus, zieht die hosen und das t-shirt aus. die frau und der mann, zerren bretter hervor, sofa, geburtsurkunden, matratzen, besteck, gardinen, bilder, waschen jedes einzelne ding, kehren das braune wasser in das abflussgitter, hängen den teppich über das fussballtor, legen die eisschaufschuhe an die wände zum trocknen.
 
 
 
während der denker wieder schlamm in die gitter kehrt, trägt die frau eine kiste in die küche und stellt sie der mutter zu füßen.
 
 
 
- leichen?
 
- ja auch.
 
- schwer verletzte?
 
- überlebende auch.
 
 
die mutter zeigt der frau wie sie die bücher wäscht und trocknet und die beiden beginnen mit jedem buch, jedem fotoalbum, von neuem. die beiden frauen waschen das buch mit einem schwamm, dann mit einem feinen lappen, dann trocknen sie: den rücken erst, den rest danach mit tüchern. schließlich fönen sie das papier und legen die aufgeweichten worte und bilder auf tische, stühle, in hängematten, auf den boden schließlich. nachts, doch auch früh morgens schon, waschen sie die rotweingläser noch, zuletzt die körper. der schlamm rinnt herab, verschwindet im abfluss, das wasser wird klar. am tag aber ist der himmel makellos wie die geräusche von den vögeln und der nahen autobahn. die beiden frauen, am waschbecken:
 
- sieh, hier.
- verletzt?
- nun ja, sieh her.
- eine leiche.
- ja.
- frankreich, 1990?
- ja.
- als du vater noch glück /
- ja.
- eine leiche. wirf sie weg.
- ja.
- damals, in frankreich -
- ja?
- wurde ich das erste mal -
- geküsst.
- ja.
- ich weiß.
- ja, aber mit zunge.
- ich weiß.
- wirklich?
- mit zunge und zahnspange.
- ja.
- ja, eben.