Das Geheimnist der Winterstarre | Frei zur Uraufführung

© Hr.wig

1 WD, 1 MD, frei zur Uraufführung

Der Raum ist erfüllt von Musik, darin Versatzstücke einer Bar, kleine runde Tische, Stühle, Barhocker. Auf einem der Barhocker sitzt eine junge Frau mit einem Glas Weißwein in der Hand. Sie ist feierlich gekleidet und schön anzusehen. Sie lächelt. Nach und nach tröpfeln weitere Menschen – die Fremden - herein, nehmen an den Tischen Platz, unterhalten sich, bestellen Getränke. Ab und an streifen ihre Blicke die Frau. Sie holt gerade eine Zigarettenpackung hervor, steckt sich eine Zigarette an, beobachtet die Neuankömmlinge, stößt dabei Rauchwölkchen aus und versucht mit ihrem Mund vollkommene Rauchringe in die Luft steigen zu lassen. Währenddessen beobachtet sie die Fremden aufmerksam. Eine Tür wird geschlossen. Kurz darauf hellt sich das Gesicht der jungen Frau auf. Es scheint als habe sie unter all den Fremden ein ihr bekanntes Gesicht entdeckt. Sie hebt ihr Glas in Richtung eines Mannes mittleren Alters, der alleine an einem Tisch sitzt und nickt leicht. Immer wieder blickt sie zu dem Mann hin. Schließlich fasst sie einen Entschluss. Sie dämpft ihre Zigarette aus, atmet tief durch, versucht zu lächeln und rutscht von ihrem Hocker. Nervös zupft sie ihr Kleid zurecht und nähert sich langsam, ja bedacht dem Fremden, den sie vorhin entdeckt hat. Sie atmet noch einmal hörbar aus, strafft ihren Körper und spricht den Fremden an.

Junge Frau (schüchtern): Entschuldigen Sie bitte, verzeihen Sie!

Ja, Sie meine ich. Guten Abend.

Erwarten Sie jemanden?

Der Fremde: Nein, ich glaube nicht.

Junge Frau: Haben Sie dann vielleicht einen Augenblick Zeit? Wissen Sie, ich… Ich weiß nicht genau, wie ich es erklären soll, aber… es gibt heute etwas zu feiern. Für uns.

Der Fremde: Was hätten Sie und ich wohl heute gemeinsam zu feiern?

Junge Frau: Ich verstehe, dass Sie sich jetzt vielleicht ein wenig wundern. Weshalb denn mit einer völlig Unbekannten feiern? Meine Antwort klingt für Sie womöglich ein wenig einfach: Weil heute nämlich ein ganz besonderer Tag ist. Für mich und auch für Sie, hoffe ich. Darf ich mich zu Ihnen setzen?

Der Fremde zögert.

Junge Frau: Einen Augenblick nur.

Die junge Frau rückt sich einen Stuhl heran und setzt sich.

Der Fremde (überrumpelt): Bitte.

Junge Frau: Danke. Das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich würde Sie auch gerne auf ein Getränk einladen, wenn Sie einverstanden sind.

Der Fremde: Ich weiß nicht.

Junge Frau: Nun kommen Sie schon. Was nehmen Sie? Ein Glas Wein vielleicht? Zur Feier des Tages?

Der Fremde: Ein Glas Wein wäre schön.

Junge Frau: Rot oder Weiß?

Der Fremde: Weiß, wie Sie auch, bitte.

Junge Frau: Weiß ja, einen Moment bitte.

Die junge Frau geht zu Ihrem Tisch und kehrt mit einer Flasche Weißwein und einem Glas zum Fremden zurück. Sie nimmt wieder Platz und schenkt ihm ein.

Schweigen.

Junge Frau: Ich werde mich zu erklären versuchen, wenn Sie einverstanden sind.

Der Fremde: Wenn Sie meinen.

Junge Frau: Heute Morgen bin ich aufgewacht und wusste: Ich werde jemandem begegnen – Ihnen begegnen - und Ihnen eine Geschichte erzählen, wenn Sie damit einverstanden sind. Eine Geschichte, die ich bis zu diesem Tag gehütet habe. Wie ein Geheimnis. Heute, so dachte ich mir, soll das Schweigen ein Ende haben. Und deshalb fühlt sich dieser Tag so besonders an, wie ein Geburtstag, verstehen Sie? Ein zweiter Geburtstag.

Während die junge Frau spricht, kramt sie nervös in ihrer Tasche.

Junge Frau: Ich weiß, es ist kein Zufall, dass gerade Sie mir hier begegnen. Ich habe Sie ausgewählt und Sie haben mich ausgewählt. Ich, um eine Geschichte zu erzählen. Sie, um diese Geschichte zu hören.

Die junge Frau zieht einen Schokoladenmuffin hervor, stellt ihn vor sich hin, steckt eine kleine bunte Kerze hinein.

Junge Frau: Wissen Sie, falls Sie es nicht bemerkt haben sollten: Ich habe eben all meinen Mut zusammen genommen, um Sie anzusprechen. Denn ich bin – ob Sie es glauben oder nicht - von Natur aus ein ganz und gar schüchterner Mensch. Und deshalb wird es noch einiges an Mut brauchen, um mein Geheimnis mit Ihnen zu teilen. Aber, so denke ich mir gerade, sobald Sie Bescheid wissen, werde ich nie wieder allein sein, mit meiner Wahrheit. Und ich möchte heute nicht allein sein, verstehen Sie? Und das sollte man doch wagen, feiern gar, oder? Oder etwa nicht?

Der Fremde: Vielleicht.

Die junge Frau zündet die Kerze auf dem Muffin an.

Junge Frau: Sie können nun natürlich noch aufstehen und gehen, falls Ihnen die Situation unheimlich sein sollte. Oder wenn Sie Geschichten scheuen, oder gar Geheimnisse. Aber das glaube ich nicht. Wie gesagt, das alles hier ist kein Zufall. Sie hier. Ich hier. Gemeinsam. Wie verabredet. Meinen Sie nicht?

 

Der Fremde: Ehrlich gesagt, weiß ich nicht recht, was das Ganze hier /

Junge Frau: Bitte, haben Sie nur einen Augenblick Geduld. Sie werden bald verstehen…

Der Fremde: Nun gut, aber ich habe nicht ewig Zeit.

Junge Frau: Ich weiß, ich weiß. Deshalb werde ich gleich zur Sache kommen.

Ich habe mir, als ich Sie beobachtet habe, überlegt, dass ich mich Ihnen nicht mit Namen vorstellen werde, auch wenn Ihnen das erst einmal seltsam erscheinen mag. Ich weiß nicht wie ich es in Worte fassen soll, aber an diesem Geburtstag möchte ich einfach nur Mensch sein, Ich sein. Verstehen Sie, was ich meine?

Fremder (zweifelnd): Nun ja, ich denke schon.

Junge Frau: Sehen Sie. Und Sie… Ich dachte…, Sie dürfen Sie sein, mir nah sein und fremd bleiben. Und ich werde noch eine Weile Sie zu Ihnen sagen, weil es einfacher ist, meine Geschichte einem Fremden anzuvertrauen, wenn Sie verstehen.

Die Frau reicht dem Mann das gefüllte Glas, hebt ihr eigenes und stößt mit ihm an.

Zum Wohl! Auf uns! Auf diesen Abend!

Die junge Frau und der Fremde trinken.

Junge Frau: Nun. Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht, wie ich beginnen soll. Ich habe Sie angesprochen und nun weiß ich nicht weiter. Wissen Sie, ich möchte nämlich heute mit Ihnen ein Land betreten, in dem es kaum angemessene Worte gibt. Ich weiß auch nicht recht, wie ich die Sprache mit Ihnen und der Welt in Einklang bringen soll. Wo also beginnen? Wo beginnen? Mit einem Wort vielleicht?

Ja, mit einem einzigen Wort: Winterstarre.

Der Fremde: Winterstarre?

Junge Frau: Ja. Winterstarre.