Die Leiden des jungen Werther

Bühnenbearbeitung von "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang Goethe (UA 2013, Kaleidoskop Theater Luxembourg, Regie: Jean Paul Maes)

WERTHER: 16. Juni. Ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht.

LOTTE: Ich habe – ich weiß nicht.

WERTHER: Ein Engel!

LOTTE: Pfui! Das sagt jeder von der Seinigen, nicht wahr?

WERTHER: Und doch bin ich nicht imstande, dir zu sagen wie vollkommen sie ist, warum sie vollkommen ist; genug, sie hat allen meinen Sinn gefangengenommen.

LOTTE: Unsere jungen Leute hatten einen Ball auf dem Lande angestellt,

WERTHER: zu dem ich mich denn auch willig finden ließ. Und es wurde ausgemacht, dass ich eine Kutsche nehmen, mit meiner Tänzerin und ihrer Base nach dem Orte der Lustbarkeit hinausfahren und auf dem Wege Charlotten S. mitnehmen sollte. „Sie werden ein schönes Frauenzimmer kennenlernen.“, sagte meine Gesellschafterin.

LOTTE: Nehmen Sie sich in acht, dass Sie sich nicht verlieben.

WERTHER: Wieso?

LOTTE: Sie ist schon vergeben. An einen sehr braven Mann, der weggereist ist, seine Sachen in Ordnung zu bringen, weil sein Vater gestorben ist.

LOTTE entzieht sich WERHTER, geht nach hinten und beginnt zu tanzen.

WERTHER: Die Nachricht war mir ziemlich gleichgültig. Ich war ausgestiegen, und eine Magd, die ans Tor kam, bat uns, einen Augenblick zu verziehen, Mamsell Lottchen würde gleich kommen.

LOTTE: Ich komme gleich!

WERTHER: Ich ging durch den Hof nach dem wohlgebauten Hause, und da ich die vorliegenden Treppen hinaufgestiegen war und in die Tür trat, fiel mir das reizendste Schauspiel in die Augen, das ich je gesehen habe. In dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von eilf zu zwei Jahren um ein Mädchen von schöner Gestalt, mittlerer Größe, die ein simples weißes Kleid, mit blaßroten Schleifen an Arm und Brust anhatte. Sie hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem ein Stück nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab’s jedem mit solcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt sein „Danke!“.

LOTTE: Ich bitte um Vergebung, dass ich Sie hereinbemühe und die Frauenzimmer warten lasse. Über dem Anziehen und allerlei Bestellungen fürs Haus in meiner Abwesenheit habe ich vergessen, meinen Kindern ihr Vesperbrot zu geben, und sie wollen von niemandem Brot geschnitten haben als von mir.

WERTHER: Ich machte ihr ein unbedeutendes Kompliment, meine ganze Seele ruhte auf der Gestalt, dem Tone, dem Betragen, und ich hatte eben Zeit, mich von der Überraschung zu erholen, als sie in die Stube lief, ihre Handschuhe und den Fächer zu holen.

WERTHER geht zu LOTTE und beginnt mit ihr zu tanzen, tanzt immer wilder und wilder.

WERHTER: Ich bat sie um den zweiten Contretanz; sie sie sagte mir den dritten zu.

LOTTE: Wenn diese Leidenschaft ein Fehler ist, so gestehe ich Ihnen gern, ich weiß mir nichts übers Tanzen. Und wenn ich was im Kopfe habe und mir auf meinem verstimmten Klavier einen Contretanz vortrommle, so ist alles wieder gut.

WERTHER: Wie ich mich in den schwarzen Augen weidete – wie die lebendigen Lippen und die frischen munteren Wangen meine ganze Seele anzogen. Mit welchem Reize, mit welcher Flüchtigkeit bewegte sie sich! Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf in den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, dass alles rings umher verging.

Werther tanzt so wild, dass die beiden auseinander wirbeln und auf den Boden stürzen. Außer Atem halten sie inne.