Grüne Organe

Auftragswerk Landestheater Schwaben (2 WD / 1 MD / UA 2007 / Regie: Peter Dorsch)
 

(Der Schauplatz: Die Bühne zeigt einen großstädtischen, heruntergekommenen Bahnhof. Eine Halle. Gleise. Schließfächer, ein Fahrkartenautomat, außer Betrieb, ein nicht zu entziffernder Fahrplan etc. Sporadische Durchsagen und Geräusche eines belebten und wieder zur Ruhe kommenden Bahnhofes.)
 
1. BILD
 
(Herbst. Veza findet Nudera am Bahnhof, Gleis 5.)
 
Veza                Hier bist du also wieder. Als ich mich nach dir umgewandt habe, warst du schon weggerannt.
                        Und ich war plötzlich allein mit ihr. 

Nudera              Ich wollte eine Kerze anzünden.
Veza                 Am Bahnhof?
Nudera              Erst stand ich vor der verschlossenen Kirche. Und war plötzlich so allein mit mir.
Veza                 Aber jetzt hast du mich ja wieder. Und alles wird –
Nudera              Alles war abwesend.
Veza                 Komm.
Nudera              Wie man der Madonna nur solch ein gewaltiges Kindergesicht an die Brust legen kann -
Veza                 Komm.
Nudera              Ich habe eine Münze in den Kerzenautomaten geworfen. Und die Stille zerrissen. Und die Hoffnung. Der Gedanke etwas solle brennen ist Lärm. Sonst nichts.
Veza                 Fährst du dieses Mal fort?

(Nudera schweigt.)

Veza                 Natürlich nicht.
Nudera              Vielleicht bin ich traurig.
Veza                 Aber trösten lassen willst du dich nicht.
Nudera              Ich wollte eine Kerze anzünden. Nicht beten.
Veza                 Und du hast es nicht getan.

(Schweigen.)
 
Nudera              Veza?
Veza                 Ja?

(Schweigen.)
 
Veza                 Nudera?
Nudera              Ja?

(Schweigen. Dann beide gleichzeitig.)
 
Nudera              So viele Menschen und niemand, der etwas gesehen hat.
Veza                 Ihr Name steht doch auf der Warteliste.
Nudera              Menschen auf Transplantationslisten warten manchmal länger als sie leben.
Veza                 Ich sehe sie an. Und sie ist nicht mehr sie. Sie ist wieder ein Säugling.
                        Aber alt, richtig welk. Abgelebt.
Nudera              Du meinst -
Veza                 Ja. Dass sie wieder in die Hose pinkelt. Mein Kleiner macht das schon seit Jahren nicht mehr. Alles ist verkehrt und verdreht. Sie sah doch immer so aus, als -
Nudera              Als hätte sie keinen Verdauungstrakt.
Veza                 Ja. Genau so. Als ließe sie nur Wein oder Meerwasser in die Klomuschel.
Nudera              Ja, Meerwasser.
Veza                 Manchmal muss man Dinge anstarren. Und ich starre Mutter an. Ihr Rollstuhl sieht seltsam aus. Er passt nicht zu ihr.
Nudera              Aber vielleicht passen sie ineinander.
Veza                 Worauf wartest du?
Nudera              Ich warte nicht.
Veza                 Von Zeit zu Zeit ist sie ganz ungewöhnlich leise. Sie sitzt nur da, in diesem Rollstuhl. In Unterwäsche, also nackt.
Nudera              Ich will das nicht hören.
Veza                 Nachts hängt ihr BH an der Badezimmertür. Und ihre Zähne liegen im Wasserglas.
Nudera              Davon will ich nichts wissen. Das geht zu weit. Unsere nackte, nichthergerichtete Mutter geht zu weit.

(Schweigen.)
 
Nudera              Hat sie nach mir gefragt?
Veza                 Nudera, du darfst mich nicht mit ihr alleine lassen. Sie hat mit Tellern nach mir geworfen.
Nudera              Ja.
Veza                 Ja?
Nudera              Ja. Ich bin hier. Auch, wenn niemand fragen sollte.
Veza                 Sie bläst auf der Trompete. Sympathy for the devil. Heute hat sie dem Arzt mit der Trompete ins Ohr geblasen.
Nudera              So ist unsere Mutter.
Veza                 Er hat gelacht. Sie hat ihn angeschrieen:
                        Weshalb lachen Sie, während ich sterbe.
Nudera              Er wird nicht wieder kommen.
Veza                 Nein, der nicht. Sie weigert sich zu schlafen. Sprich du mit ihr.
Nudera              Sie weigert sich zu schlafen?
Veza                 Dir wird sie zuhören.
Nudera              Mutter hört auf niemanden. Sie träumt nicht mehr. Du weißt, was das heißt.

(Nudera lacht.)

Veza                 Du sollst nicht lachen.
Nudera              Sie wird dir die Trompete auf den Kopf hauen. Und lächeln. Sie lächelt, zuerst. Dann kriegst du mit der Trompete eins über den Schädel gezogen. Und du wirst es dir gefallen lassen.
Veza                 Nudera, ich schlafe auch nicht mehr. Gestern habe ich meinen Kleinen angeschrieen, nur weil er ein Glas umgestoßen hat.
Nudera              Und?
Veza                 Nudera, er ist vier. Und Mutter bläst Trompete.
Nudera              Im Badezimmer sind Schlaftabletten. Löse sie auf in Honigmilch. Oder mische sie Mutter unter das Essen. Zerkleinert, damit sie sie nicht in die Ecke spuckt, dobald du ihr deine Schulterblätter zeigst. Sie wird sich nicht einfach ruhig stellen lassen. Sie wird nicht schlafen. Nicht freiwillig. Von der Wahrheit will sie nichts wissen. Vom Schlaf noch weniger.
Veza                 Komm. Komm nach Hause.
Nudera              Lass uns beide weggehen von hier. Ich finde ihn. Dann verschwinden wir.
Veza                 Ich werde sie nicht alleine lassen.
Nudera              Sie ist erwachsen.
Veza                 Aber man lässt seine Mutter nicht alleine sterben.
Nudera              Sterben?
Veza                 Sie hat uns auch nicht alleine auf die Welt losgelassen.
Nudera              Doch, das hat sie. An deinem siebten Geburtstag, wärst du beinahe ertrunken.
Veza                 Jetzt denkst du dir wieder eine Geschichte aus.
Nudera              Du hattest den See verschluckt. Erinnerst du dich?
Veza                 Nein.
Nudera              Die Luftlosigkeit hat dein Gesicht ganz grün gefärbt. Du hast gekeucht. Chchchchch.
Veza (lachend)  Lass das. Mutter ist am Sterben und du lachst. Das ist taktlos.
Nudera              Taktlos, ja. Genau so: Chchchch.

(Veza lacht.)

Nudera              Du hast dich nicht mehr gerührt. Ich dachte du wärst fort, für immer. Und Mutter. Sie hat gespielt, als du beinahe ertrunken bist.
Veza                 Sie wurde fast wahnsinnig aus Sorge um mich.
Nudera              Sie wurde wahnsinnig, weil sie die Ophelia spielte.
Veza                 Nein.
Nudera              Sie hat auch noch gespielt als du schon zehn Tage auf der Kinderstation lagst. In diesem viel zu großen Bett, in dem wir beide hätten liegen können. Und Mutter noch dazu.
Veza                 Das ist doch gelogen.
Nudera              Du bist eben anders. Anders als wir.
Veza                 Manchmal denke ich, wir sind ein Irrtum. Keine Schwestern. Schon als Kind hast du nur an dich gedacht. Achtzehn Stunden lag Mutter mit dir in den Wehen.
Nudera              Ja, achtzehn Stunden. Mutter hat es oft genug erzählt. Aber du, du bist anders. Du hast deine Kinder schon im Mutterleib geliebt. Vom Spermium an hast du deine Kinder geliebt. Das macht den Unterschied aus zwischen dir und Mutter.
Veza                 Man gibt sich hin –
Nudera              Man gibt sich hin. Wird schwanger, gibt sich her. Als Mutter teilt man seinen Körper. Kannst du dir vorstellen, dass wir in Mutters geschwollenem Bauch drinnen waren? Wir beide. Mutter sieht nicht aus, als wäre da Platz für etwas in ihrem Bauch.
Veza                 Sie will dich sehen.
Nudera              Hat sie das gesagt?
Veza                 Ich weiß es.
 
 
2. BILD
 
(Gleis 7.)
 
Elias                 Starren Sie mich nicht an. Ich bin nicht, was Sie suchen.

(Nudera starrt Elias an.)
 
Elias                 Sie sollen hier nicht stehen. Seit Tagen stehen Sie hier und starren in Gesichter. Starren in Zugfenster hinein. Gestern haben Sie mich angestarrt, durch das Glas. Sie standen regennass, halbnackt. Ihre Augen so erschrocken, so weit aufgerissen, dass ich erschrecken musste. Sahen mich an als wäre ich kein Mensch. Und liefen zum nächsten Fenster. Und zum nächsten. Weshalb tun Sie das? Ich meine, Sie passen nicht hier her.

(Nudera starrt immer noch.)
 
Elias                 Ich verstehe nicht, weshalb gerade Sie –
Nudera              Wer –
Elias                 Ich meine, Sie sollten das nicht tun.
Nudera              Wer sind Sie –
Elias                 Sie sind doch keine -
Nudera              Halten Sie den Mund. Sie –
Elias                 Ich –
Nudera              Ihr Redeschwall erschlägt mich.
Elias                 Und Ihr Starren?
Nudera              Nein. Still. Nur einen Augenblick.
Elias                 Warum?
Nudera              Sch.
Elias                 Ja. Aber -
Nudera              Psssst. Ich kann nicht denken, wenn Sie laut sind.

(Schweigen.)
 
Elias                 Im Vorbeigehen habe ich Ihre Unruhe gerochen. Dachte, das hier sei kein Ort für Sie. Dachte, Sie dürften nicht so starren. Dachte, Sie seien zu nackt, im regenassen Herbst. Dachte, Sie dürften sich nicht so veräußern.
Nudera              Sie irren sich.
Elias                 Dachte, Sie müssten das wissen. Nun wissen Sie es. Und ich kann gehen.
Nudera              Sie hören mir gar nicht zu.

(Er geht nicht.)

Elias                 Weshalb starren Sie in die Gesichter?
Nudera              Das geht Sie nichts an.
Elias                 Aber weshalb starren Sie in meines?
Nudera              Ich suche jemanden. Aber das geht Sie nichts an.
Elias                 Es tut mir leid. Dass ich Sie für eine –
Nudera              Was?
Elias                 Na was.
Nudera              Was haben Sie denn von mir gewollt, wenn Sie dachten, ich sei eine Nutte?

(Stille.)

Nudera              Jetzt sind Sie still. In mir drinnen ist manchmal Lärm. Manchmal Stille. Aber Sie sind jetzt so anders still, als wenn es in mir drinnen still ist. Weshalb sprechen wir miteinander?
Elias                 Ich habe Sie für eine Nutte gehalten.
Nudera              Und worüber?
Elias                 Ich weiß nicht. Aber nicht zu wissen ist nichts Ungewöhnliches.
Nudera              Ich weiß nicht, wer meine Mutter halb tot gefahren hat. Ein Autounfall in der Nacht.

(Elias schweigt.)

Elias                 Sie ist nicht tot?
Nudera              Noch nicht. Sie sitzt im Rollstuhl und pinkelt in die Hose. Ich suche das Schwein, das mein Liebstes sterben macht.

(Elias schweigt.)

Nudera              Manchmal muss man Dinge wissen.
Elias                 Ihr Liebstes?
Nudera              Ich glaube. Ja.
Elias                 Ihre Mutter?
Nudera              Ja.
Elias                 Das tut mir Leid.
Nudera              Ihr Mitleid brauche ich nicht. Wenn meine Mutter stirbt.
Elias                 Mütter sterben. Das ist nicht ungewöhnlich.
Nudera              Das weiß ich.
Elias                 Weshalb suchen Sie diesen Menschen?
Nudera              Fahrerflucht. Er hat Mutter auf der Straße liegen lassen. Im Dreck.
Elias                 Ja, aber weshalb?
Nudera              Weil ihn niemand finden wird, der Mutter nicht kennt. Meine Schwester könnte ihn finden, aber sie sucht ihn nicht.
Elias                 Weshalb gerade hier am Bahnhof?
Nudera              Sein an meiner Mutter aufgepralltes Auto wird er nicht wieder gebrauchen können.
Elias                 Und weiter?
Nudera              Nichts weiter. Können Sie ausschließen, dass er hier ist?

(Elias schweigt.)

Nudera              Sie können diese Möglichkeit nicht ausschließen.
Elias                 Nein, natürlich nicht.
Nudera              Sie kennen meine Mutter nicht.
Elias                 Und Sie wissen nicht einmal, ob Sie einen Mann oder eine Frau suchen.
Nudera              Das geht Sie nichts an.
Elias                 Dann belästigen Sie mich nicht.
Nudera              Sie verstehen nichts. Nichts.
Elias                 Und Sie?
Nudera              Ich weiß, dass er hier ist. Menschen, überall Menschen. Aber ich glaube, dass er nur hier sein kann. Ich glaube es. Wie ich daran glaube, dass es manchmal lärmt in mir.
Elias                 Und wenn Sie ihn finden?
Nudera              Ich weiß nicht. Noch nicht.
Elias                 Werden Sie den Menschen tot fahren oder halbtot?
Nudera              Seien Sie still, jetzt.
Elias                 Ihn auf die Gleise stoßen?
Nudera              Er hat meine Mutter beinahe tot gemacht und hat sie einfach liegen lassen.
Elias                 Ihrer Mutter ins Sterbebett legen?
Nudera              jetzt spielt sie Trompete immerzu.
Elias                 Was ändert das? Diejenige zu finden.
Nudera              Denjenigen.
Elias                 Das ist nicht sicher.
Nudera              Gehen Sie fort von hier. Weit fort von meinen Geleisen. Meinen Zugfenstern, meinen Reisenden.
Elias                 Unfälle passieren. Mütter sterben. Töchter überleben.
Nudera              Man muss nicht alles akzeptieren.
Elias                 Mit Ihnen kann man nicht vernünftig reden.
Nudera              Nein. Ich kann gar nicht reden. Und jetzt gehen Sie endlich. Verschwinden Sie.
Elias                 Sie gehören nicht hier her.
Nudera              Werfen Sie Ihr verdammtes Mundwerk auf die Geleise da.
Elias                 Seien Sie still.
Nudera              Bah.
Elias                 Still.
Nudera              Nein.
Elias                 Sie stehen hier und starren Menschen an. Wie mich. Ich sehe die Unruhe in Ihrem Starren. Denke, ich muss Ihnen helfen.
Nudera              Ich -
Elias                 Sie starren alle an. Und nur in Ihren eigenen Kopf hinein.
Nudera              Ich -
Elias                 Sie halten jetzt den Mund. Gehen Sie nach Hause. Ihre Mutter stirbt. Das wollen sie nicht sehen, weil es dann wahr wird, nicht wahr? Der Tod ist mehr als ein Gedanke. Ich habe Menschen krepieren sehen. Ich kann die Wahrheit sagen: Ich habe Sie satt. Und ich habe mich satt. Zum Krepieren satt.

 
(Elias geht.)