Maschinen Manuskripte.

(3 WD / 5 MD / Frei zur UA)
 
 
VERSUCHSPROTOKOLL. NR. 2. IM WINTER. SCHNEEFALL.

GLÜCKSBESCHAU. Anwesend: TROTZ. MO. FIDELIS. ASZRA. AIMÉE. PINK. MICHAEL.
 
(Trotz, Fidelis und Mo in einem verfallenen Raum. Mo trägt keine Schuhe. Durch die zerschlagenen Fensterscheiben dringt Licht. Farbe blättert von den Wänden, Wasser tropft von der Decke, Kabel hängen dicht über dem mit Schutt bedeckten Boden.)
 
Trotz                Jeder von euch hat einen Unglücklichen gefunden?
Mo                   Ja. Selbstverständlich. Ja.
Fidelis              Man muss sich nicht lange umsehen in den Gesichtern. Jedem zweiten steht ja die Lebensmüdigkeit /
Mo                   Der Freitod in die Stirn graviert.
Fidelis              Das ist schön.
Trotz                Was?
Fidelis              Nichts.
Trotz                Was?
Fidelis              Eines der trüben Gesichter auszusuchen und hierher mitzunehmen.
Mo                   Sie sind alle gekommen, sogar eine zuviel. Es sind vier. Sie warten draußen.
 
[…] (Aszra kommt zurück, gefolgt von Aimée. Mo starrt Aimée an, geht auf sie zu, bleibt stehen, nach einem langen Schweigen:)
 
Mo                   Ich bin Mo.
Aimée              Ja.
Fidelis              Das ist Trotz.
Aimée              Ja. Das dachte ich mir.
Trotz                Setzen Sie sich doch.
Aimée              Danke. Ich bleibe lieber, so. Können wir beginnen?
 
(Aszra setzt sich, stellt eine Schreibmaschine auf ihren Schoß.)
 
Fidelis            Womit?
Aimée            Wollen Sie mir keine Fragen stellen?
Fidelis            Jetzt gleich?
Aimée            Ja, gerne.
 
(Fidelis schweigt.)
 
Trotz               Weshalb sind Sie hier?
Fidelis             Ja, weshalb bist du hier? Bitte.
Aimée             Fidelis hat mich beobachtet. Zufällig. Während dieser Sache mit dem Bus.
Fidelis             Ich habe Aimée um Abzüge gebeten.
Aimée             Er hat mir geholfen aufzustehen und keine Fragen gestellt. Er war lange still. Aber dann hat er etwas gesagt -
 
(Aimée schweigt. Aszra tippt.)
 
Trotz                Ja?
Aimée              Sie sind es.
Mo                   Sie sind es.
Trotz                 Wer / ?
Aimée               Habe ich gefragt. Ein unglücklicher Mensch. Und wissen Sie, das hat noch nie jemand gesehen und mir gerade heraus ins Gesicht geworfen.
                        Ich bin nicht krank im Kopf, aber ich denke, dass Sie mir helfen können.
Mo                    Weshalb?
Fidelis               Weshalb sprangen Sie unter den Nachtbus?
Aimée               Ich weiß nicht.
Fidelis               Sie wollten sich das Leben nehmen.
 
(Aszra tippt, beobachtet, tippt, beobachtet.)
 
Aimée               Nein, das nicht. Das ganz bestimmt nicht. Die Kunst besteht ja eben darin, in den Zwischenraum zu springen, wo nichts ist und kein Bus und keine Räder.
Trotz                 Sie wollten sich nicht selbst verletzen?
Aimée               Nein.
Fidelis               Und weshalb die Kamera am Gehsteig?
Aimée               Um mich dabei zu fotografieren.
Fidelis               Aber weshalb?
Aimée               Um mir zu beweisen, dass ich es getan habe. Ich dachte, dann könnte ich auch andere Dinge tun.
Trotz                 Welche?
Aimée               Sprechen. Endlich aussprechen, was ich denke.
Trotz                 Sie sprechen nicht wie Sie denken?
Aimée               Ich bin meist still.
Fidelis               Ja?
Aimée               Mucksmäuschenstill. Ja. Meine Gedanken bleiben bei mir oder Gegenteil von dem, was mir aus dem Mund fällt.
Trotz                 Ehe Sie einzelne Gedanken aus sich heraus werfen, werfen Sie sich als Ganzes unter einen fahrenden Bus?
Aimée               Ich dachte, das wäre ein Ausgangspunkt für einen Mut, an den ich anknüpfen kann.
 
(Aszra schreibt.)
 
Aimée              Wissen, Sie, ich arbeite für einen Direktor, der ist ein schlechter Mensch. Und wissen Sie - Ich denke - Ich denke, ich brauche ein zweites, zivilcouragiertes Ich, das endlich ausspricht: Du bist ein menschenverachtendes Schwein. Aber wissen Sie, ich schweige. Ich schweige immer nur, das weiß ich. Und dann werde ich ja selbst Schwein in meiner Scheißtragödie. Eben mucksmäuschenstill.
Mo                    Und deshalb hast du – Du hast dich - Beinahe einfach so weggeworfen. Gerade du. Das ist /
Aimée               Was?
Mo                    Romantisch.
Aimée               Wie bitte?
Mo                    Nichts.
Trotz                 Die Zeit ist /
Aimée               Ich möchte bleiben.
Mo                    Lass sie bleiben, bitte.
Trotz                 Es tut mir leid. Die Gespräche sind /
Aimée               Unter acht Augen, ich weiß. Ich meinte ja auch das Gebäude. Ob ich mir den Verfall hier aus der Nähe ansehen kann?
Fidelis               Ja.
Mo                    Sei vorsichtig.
Aimée               Ich? Vorsichtig. Ja. Ja. Vorsichtig.
 
(Aimée ist fort. Pink tritt herein, ungeduldig, mit einer lebensgroßen Puppe unter dem Arm. Fidelis starrt fasziniert auf die Puppe.)
 
Pink                  So ein Loch. Und dunkel. Lebensgefährlich.
Mo                    Herr Pink?
Pink                  Ja. Licht, ich brauche Licht. Wo zum Teufel sind wir?
Trotz                  In einer Universität. In einem Hörsaal.
Fidelis                In einem Sperrgebiet.
Trotz                  Das Gebäude ist nur stillgelegt.
Fidelis                Wir haben uns erlaubt es zu besetzen. Außerdem ist alles hier umsonst.
Pink                   Umsonst?
Fidelis                Geschenkt. Für nichts. Frei.
Pink                   Die Wände stürzen ein.
Trotz                  Sie blättern ab.
Pink                   Sie stürzen ein. Aber verschwenden Sie nicht meine Zeit. Wer von Ihnen ist Herr Mo?
Mo                     Ich. Was wollen Sie denn noch mit Ihrer Zeit?
Pink                   Ich habe zu tun.
Mo                     Wollen Sie sich wieder in Ihrem Swimmingpool ertränken?
Trotz                   Aszra: Suizidversuch.
Pink                   Ja. Nein. Woher wissen Sie das?
Mo                     Die Zeitungen /
Pink                   Herr Mo, am Telefon sagten Sie, Sie hätten den Nachruf für meine Frau Aimée geschrieben?
Mo                     Ja. Und die Trauerfeier hat mich sehr gerührt.
Pink                   Ja, ja. Also der Nachruf, sehr feinfühlig und der einzige Grund, weshalb ich hergekommen bin. Aber ich glaube nicht an Therapeuten.
                         Und getröstet hat Ihr Nachruf uns kein bisschen. Kein bisschen, sage ich Ihnen.
Trotz                  Aszra, notieren Sie: Todessehnsucht.
Pink                   Wissen Sie, meine Frau war immer da. Jetzt ist sie fort. Alle Räume meines Hauses sind nun leer.
Mo                     Aimée hat Sie mit leeren, kinderlosen Zimmern allein gelassen?
Pink                   Ja. Und gestern Nacht hörte ich ihre Stimme, in allen Schlafzimmern habe ich nach ihr gesucht und fand sie nicht.
Mo                     Auch nicht im Swimmingpool.
Trotz                  Aszra, notieren Sie: Liebe.
Pink                   Das will ich nicht sagen. Aber Aimée war immer da. Und jetzt ist sie fort. Ich kann nicht alleine sein, verstehen Sie.
Trotz                  Korrigieren Sie: Affenliebe.