Tinnitustranskription

Monolog.

(1 MD / UA 2010 / Kulturhaus Niederanven, Luxembourg / Regie: Eva Paulin)

Jean-Paul Maes als "der Mann"

Presse

Anina Valle Thiele: Transkribierter Tinnitus. In: Woxx. Déi aner Wochenzeitung  / l'autre hebdomadaire. 29.04.2010.

Transkribierter Tinnitus

Wunderbare Wortspiele und krankhafte Klangwelten erwarten den Zuschauer in "Tinnitustranskription". Das Stück bewegt sich zwischen Sprechtheater und Klanginstallation.

Ein Mann ist auf der Suche nach seiner Identität und fügt sie nach und nach aus bruchstückhaften Erinnerungen zu einer neuen zusammen. Es entsteht ein buntes Mosaik. Der Zuschauer hat teil am Bau der Figur aus den einzelnen Fragmenten und ist zugleich als kreativer Akteur gefordert, muss er sich doch selbst die Bausteine zusammenlegen, damit ein schlüssiges Bild entsteht.

Die Situation ist die nach einem Bombenattentat auf einem Bahnhof. Komponiert als Zusammenspiel von Musik, Klängen und Rauschen. "Es lärmt noch in mir in den Synapsen - Geräusche, ein Ticken, Surren, Morgentöne, Klänge, morbide Greueltöne". Zwanghaft versucht der Darsteller "als Ohrenmensch mit Kunststoff-Knistern" das Geschehen zu rekonstruieren. In polyphonem Lärm erinnert er sich fragmenthaft an eine Gas-Explosion, eine Papier- Explosion, eine Bombe. Seitdem herrscht Dunkelheit, die wie Angst klingt und etwas ist unstimmig in seinem Kopf. Etwas stimmt nicht mehr: "Tinnitus dann endlich."

So wie Bachs Goldberg-Variationen, Abwandlungen ein und desselben Motivs sind, sucht und entdeckt sich die Figur immer wieder neu. Die Musik ist damit Spiegelbild der Seele und der inneren Zerrissenheit des Hauptdarstellers. Die Suche des Mannes kann wiederum stellvertretend für die ganze Menschheit stehen. "Menschsein macht müde", deklamiert die gebrochene Gestalt.

Der Saal im Kulturhaus Niederanven, wo das Stück gerade uraufgeführt wurde, bietet die perfekte Räumlichkeit. Der auf drei Seiten aus Glas bestehende Raum gleicht einem transparenten Kasten, der den Darsteller vor nichts schützt. Wie ein Tier windet er sich mit seinem Tinnitus im Ohr. In ausdrucksstarken Bildern werden uns Einblicke in den Kopf des Mannes gewährt, nehmen wir teil an der Suche nach seinen Erinnerungen. Die Leinwand zeigt ein Panoptikum an bunten Mustern, wie durch ein Kaleidoskop, das man schüttelt, in wechselnden Konstellationen. Oder auch zwei Rolltreppen. Ein Klavier. Einen grell-rot bemalten lachenden Mund. Verwackelte Bilder.

Der Stil der jungen in Graz ausgebildeten Autorin Astrid Kohlmeier ist messerscharf. Der für "Tinnitustrans-
kription" komponierte Monolog ist pure Poesie, reich an schneidenden morbiden Metaphern. Voller Widersprüche und genialer Wortspiele. "Meine alte Heimat ist abgebrannt." "Nein, nichts ist abgebrannt." "Man sieht nichts, auch nicht mit dem Herzen.- Das Herz der pochende Zeitsender." Dem Darsteller ist klar, er kann sich nur noch auf sein Ohr verlassen. Das Ohr, in dem sein "Tinnitus rauscht wie ein Pinienwald".

Handelt es sich um einen inneren Monolog? Gleichgültig was es ist, der Tinnitus ist der Dreh- und Angelpunkt. Denn "seit dem Tinnitus ist jeder Tag ein anderer Tag." Mal lächelt der Schauspieler irre verklärt und spricht zu dem Geräusch wie zu einer Geliebten. Mal hört er nichts außer Störgeräuschen, Stille ist inexistent. Eine Reprise an Variationen. Er kommt zu der Erwägung: "Vielleicht bin ich ein Dauerton. Die Welt braucht mich nicht." Lärm ist ja akustischer Abfall", um schließlich zu der Erkenntnis zu gelangen er sei vielleicht ein "einsilbiges Instrument". - "Eine Reliquie aus einer Zeit, in der Töne noch Töne waren."

Die seit 20 Jahren inszenierende Regisseurin Eva Paulin hat ihr Bühnenstück sorgsam auf den Text abgestimmt. Jean-Paul Maes als leicht misanthropischer Darsteller spielt seine Rolle voller Pathos und trägt das gut einstündige Stück ohne Längen. Der kanadische Pianist und Komponist Gabriel Thibaudeau begleitet das Stück. Weltweit ist Thibaudeau einer der Wenigen, die zu Stummfilmen spielen. Die künstlerische Umsetzung von Tinnitustranskription ist Paulin gut gelungen und einzigartig auf die Bühne gebracht. Oder wie es im Stück heißt: "Die Existenz will tosenden Beifall, der das Trommelfell zum Jauchzen bringt."

Anina Valle Thiele