BLACK DOGS. Der Depression begegnen.

Theaterprojekt von und mit Betroffenen und Künstlern.

Text & Regie: Astrid Kohlmeier
Ausstattung: Anne Sevenich
Mit: Elisabeth Ziegler, Anke Rencken, Peter Höschler
Premiere: 17.04.2010, 20:00


Weitere Vorstellungen: Sa 17.04., Mi 21.04., Do 22.04., Di 27.04., Do 29.04., So 02.05., Mi 05.05., Fr 07.05., Mi 12.05., So 16.05. 20:00 Uhr, Di 18.05, Do 20.05., Fr 21.05. 20:00 Uhr, Sa 22.05., jeweils 20:00 Uhr, Theater am Landestheater Schwaben, Theater am Schweizerberg


Bayerische Theatertage: Di 29.06. 19:30 Uhr, Bayerische Theatertage Regensburg / Turmtheater

„Black Dogs“ ist aus einer Zusammenarbeit des Landestheaters Schwaben und der Psychiatrie des Klinikum Memmingen entstanden. In gemeinsamer Arbeit haben Theaterkünstler und von der Krankheit Betroffene einen Theaterabend entwickelt, der das tabuisierte Thema Depression sowohl dokumentarisch als auch mit den fiktionalen Mitteln des Theaters erfahrbar machen will.

In einem mehrwöchigen Prozess hat die Grazer Regisseurin und Autorin Astrid Kohlmeier aus Gesprächen und Interviews mit an Depression erkrankten Menschen und Fachleuten, aus Tagebuchaufzeichnungen und Briefwechseln Szenen eines Krankheitsverlaufes entwickelt. Der Theaterabend vereint die Stimmen von rund fünfzehn am Projekt Beteiligten. Die beiden Betroffenen Elisabeth Ziegler und Anke Rencken stehen im Zentrum des Theaterabends. Begleitet werden sie von Schauspieler Peter Höschler.

„Black Dogs“ ist die Fortsetzung der von Walter Weyers ins Leben gerufenen Projektreihe „Ausgegrenzt“, die eine breitere Öffentlichkeit auf soziale und private Missstände aufmerksam machen und Menschen in Ausnahmesituationen Gehör verschaffen will.

PRESSE

Nicht nur die Krankheit beißt zu. Betroffene erzählen auf der Bühne von ihren Depressionen. Ist das noch Theater – oder "nur" Dokumentation? Die Frage heizte das Turmtheater auf.

In: Mittelbayerische Zeitung. 30.06.2010.

Von Claudia Bockholt

Regensburg. Reality-Theater soll eine andere, direktere Sichtweise auf unsere Wirklichkeit eröffnen. Vorreiter der Bewegung ist unter anderem das junge Regie-Kollektiv Rimini Protokoll, das das herkömmliche Theater als artifiziell und selbstreferenziell ablehnt, stattdessen so genannte „Experten des Alltags“ castet und die Stücke sich bei den Proben selbst entwickeln lässt. Gecastet wurde für „Black Dogs“ nicht. Wer wollte, durfte mitmachen und seine Geschichte erzählen.

Einige Beteiligte taten es anonym: Ein Mann erzählt in einer Toneinspielung von seiner Kindheit. Als Jugendlicher musste er mitansehen, wie seine Mutter sich die Haare büschelweise ausriss, die Arme aufbiss und das Blut ableckte. „Es war unvorstellbar“. Zwei Jahre später war auch er in der Psychiatrie.

Die schwarzen Hunde kommen

Authentizität ist im Reality-Theater das Zauberwort. „Ein Schauspieler kann nie so viel Erkenntnis vermitteln“, sagt Regisseurin Astrid Kohlmeier über ihre Laiendarstellerinnen, die in „Black Dogs“ des Landestheaters Schwaben auf der Bühne stehen. In der „Unverfälschtheit“ liege der besondere Wert des Stücks.

Den Namen gab ihm Winston Churchill. „Black Dogs“ nannte der Staatsmann seine Phasen tiefer Depression. Elisabeth Ziegler und Anke Rencken sind den schwarzen Hunden schon oft begegnet. Auf der Bühne des Turmtheaters sprechen sie über ihr Leben mit der Krankheit. Hin und wieder liest am Rande der Bühne Peter Höschler, hörbar ein Pro

Die Frauen zitieren aus Tagebucheinträgen, die beim Klinikaufenthalt entstanden sind, schildern ihre divergenten Erfahrungen mit Gruppen- und Beschäftigungstherapie. Es darf auch gelacht werden, als Elisabeth Ziegler ihre therapeutischen Aufträge aus dem Selbstsicherheitstraining nachspielt, ins Publikum geht und einen Mann bittet, ihr 20 Cent zu schenken.

Die Frauen konfrontieren die Zuschauer mit dem Unverständnis, das ihnen tagtäglich entgegenschlägt: Gedankenlose Sätze wie „Das wird schon wieder“ oder „Reiß’ Dich zusammen“ schlagen zusätzliche Wunden. Aufklärung tut not, so viel Information wie möglich über diese Volkskrankheit, ihre Symptome, ihren Verlauf, über Behandlungsmöglichkeiten. Laut Bundesgesundheitsministerium leidet jeder 20. Deutsche an einer depressiven Erkrankung. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Krankheit einen selbst, einen Familienangehörigen, Freund oder Kollegen trifft, ist groß. Man sollte wissen, wo man Hilfe bekommt, wie man mit Erkrankten umgeht, wie man sie am besten unterstützt. Vielerlei Informationen gibt „Black Dogs“, in sehr komprimierter Form, durch Video- und Toneinspielungen von Betroffenen und Helfern, durch die Texte derer, die die Krankheit zumindest so weit im Griff haben, dass sie es schaffen, vor Publikum zu treten. Die Texte sind einfach und eindringlich: „In meiner Haut möchte ich nicht stecken“.

Für ihren Mut und ihre Offenheit erhielten die Frauen am Dienstagabend langen, warmen Applaus des Publikums. Die solidarische Stimmung kippte unversehens, als Bayern-2-Moderator Christoph Leibold im anschließenden Theatergespräch die Regisseurin interviewte und zu hinterfragen versuchte, was eine solche Inszenierung jenseits des aufklärerischen Aspekts leisten will und kann. Der vom Kulturjournalisten zu Recht ins Spiel gebrachte Aspekt, dass Theater doch eigentlich nicht nur dokumentieren, sondern eine künstlerische Form der Kommunikation zwischen Ensemble und Publikum sein sollte, verärgerte die meisten Zuschauer, unter ihnen – wie sich zeigen sollte – sehr viele Betroffene.

So scheitert Kommunikation

Unverhüllte Aggressivität trat zu Tage. Der Moderator und ein Zuschauer, die weniger den gesundheitlichen als den künstlerischen Wert dieser Aufführung erörtern wollten, wurden heftig angegangen: „Wollen Sie moderieren oder wollen Sie sich auskotzen?“

Die Regisseurin unterstellte Leybold, dass er „schickes“ statt gesellschaftlich relevantes Theater wolle. Der Zuschauer, der anführte, dass ein zahlendes Publikum möglicherweise mehr erwarten könnte als Dramatherapie, wurde von einer um Fassung ringenden Darstellerin angeschnaubt, dass er sie „sehr, sehr wütend“ mache. Irgendwann verließ der Moderator wortlos die Bühne und setzte sich in den Zuschauerraum.

Zum Diskurs anregen, sagt Astrid Kohlmeier, will „Black Dogs“ und einen „Kommunikations-Raum“ schaffen. Normalerweise tauschen sich nach den Aufführungen Betroffene, Mitwirkende und Ärzte aus. Dass man hier bei den Bayerischen Theatertagen auf ein Publikum treffen könnte, das auch nach dem künstlerischen, dem dramaturgischen Ansatz fragt, darauf war offensichtlich niemand vorbereitet. So wurde der Kommunikations-Raum Turmtheater am Dienstagabend ungemütlich und eng.

Doch der heftige Diskurs wurde ungewollt ein fruchtbarer Teil des Abends. Er zeigte, wie und warum Kommunikation zwischen Kranken und Gesunden in der Realität scheitern kann: an Verletztheit, Voreingenommenheit und mangelndem Verständnis – auf beiden Seiten.

 

Der Auftritt einer Krankheit. Landestheater Memmingen "Black Dogs" widmet sich der Depression.

In: Allgäuer Zeitung. 19.04.2010.

Noch bevor die Scheinwerfer angehen im Landestheater Schwaben (LTS) und die Sicht auf die Bühne am Schweizerberg freigeben, ist klar: Dies hier ist keine normale Theateraufführung. Elisabeth Ziegler besetzt zwar zusammen mit Anke Rencken die Hauptrollen im Stück "Black Dogs". Aber beide Frauen sind keine Schauspielerinnen. Sie haben lange unter schweren Depressionen gelitten; sie standen am Abgrund, sie verloren jeglichen Halt im Leben. Heute geht es Elisabeth Ziegler und Anke Rencken besser; heute stehen sie sogar auf der Bühne und sind bereit, einen Einblick zu geben in das Innere eines depressiv erkrankten Menschen - für eine bejubelte Theaterpremiere.

Wunden Seelen also widmet sich sich die Produktion "Black Dogs" im Rahmen jener LTS-Projektreihe "Ausgegrenzt", die mit Menschen zusammenarbeitet, die durch den Raster der Gesellschaft fielen. Ein heikles Thema, über das die Betroffenen nicht gerne sprechen, weil sie sich schnell abgestempelt fühlen in einer Gesellschaft, die ein immer höheres Tempo vorlegt.

Die Grazer Regisseurin Astrid Kohlmeier geht in ihrer einfühlsamen und stimmigen Inszenierung vor allem den Fragen nach: Wie reagiert die Öffentlichkeit auf eine Krankheit, die in unserer Zeit immer mehr um sich greift? Wie kann die Gesellschaft den Betroffenen helfen?

Regisseurin Kohlmeier lässt neben den Protagonisten auch andere Betroffene (per Video) zu Wort kommen. Schriftliche, oft anonyme Bekenntnisse werden auf die Leinwand projiziert. Eine beklemmende Atmosphäre, und der Zuschauer erfährt: Die erste Phase dieser Krankheit ist die Täuschung und die Tarnung. Depressive Menschen überspielen zunächst den Ausbruch der Krankheit. Sie schlüpfen in Rollen von Schauspielern.

Regisseurin Astrid Kohlmeier hat es mit intensiver Probenarbeit und der Hilfe der Psychatrie des Klinikums Memmingen sowie des Bündnisses gegen Depression geschafft, den Bühnendarstellerinnen das größte Lampenfieber zu nehmen. Das ist wichtig, um sie auf der Bühne authentisch agieren zu lassen. Ihr Auftritt im Zusammenspiel mit dem Schauspieler Peter Höschler vermag das Publikum tief zu berühren.

Und weil dieser Abend am Landestheater keiner ist wie sonst, endet er auch nicht mit dem kräftigen Schlussapplaus des Publikums, sondern mit einer Diskussionsrunde, bei der sich Regisseurin, Darsteller und Vertreter des Bündnisses gegen Depression sowie der Psychiatrischen Klinik den Fragen der Besucher stellen.

 

Die schwarze Wand, die alles überragt. Das Theater-Projekt "Black Dogs" bringt das Thema Depression auf die Bühne. Die Schauspieler sind auch Betroffene: Sie zeigen, wie dunkle Tage ihr Leben beeinträchtigen und wie groß die Angst vor einem Rückfall ist.

In: Ärzte Zeitung. 07.05.2010.

MEMMINGEN. "Es tut uns leid, Ihre Erwartungen enttäuscht zu haben" - mit dieser Textzeile eines Patienten mit Depressionen startet das Theaterstück "Black Dogs" in Memmingen. Das Publikum liest Texteinblendungen und hört Stimmen vom Band - Patienten, die an dem Projekt mitgewirkt haben, aber nicht die Kraft fanden, auf der Bühne zu stehen. Unter dem Titel "Ausgegrenzt" standen in Memmingen bereits Strafgefangene und arbeitslose Jugendliche auf der Bühne. Auch "Black Dogs" ist kein übliches Theaterstück. Der Titel erinnert an Winston Churchill, der seine Depressionen so nannte.

Basis für das Theaterstück sind Interviews mit Betroffenen, Ärzten und Therapeuten, die die 26-jährige Regisseurin und Autorin Astrid Kohlmeier aus Graz führte. Zu Beginn der Proben gab es kein fertiges Buch, den roten Faden entwickelte sie zusammen mit den Betroffenen, aber es gibt keine exakt formulierten Dialoge. So brachte die erste Darstellerin, Elisabeth Ziegler aus Memmingen, Tagebuchaufzeichnungen mit. Später kam Anke Rencken dazu. Beide hatten ihre dunkelste Zeit vor über zehn Jahren, beide fürchten den Rückfall. Beide sind zuversichtlich, dass ihr Auftritt nicht zu Nachteilen im Alltag führen werde. Peter Höschler, Schauspieler am Landestheater, gibt ihnen als Erzähler am Bühnenrand den nötigen Rückhalt...

Von René Schellbach