BLICKWECHSEL

Leitung: Astrid Kohlmeier

Premiere: 17.09.2011, Kaufhaus am Puschkinplatz, Greiz

Die Schauspielwerkstatt „Blickwechsel“ fand im Rahmen des XX. Greizer Theaterherbstes, einem sozio-kulturellen Projekt, das Amateure und internationale Theaterprofis zusammenführt, statt. In gemeinsamer mehrwöchiger Arbeit entwickelten die Beteiligten mit der Autorin und Regisseurin Astrid Kohlmeier einen Theaterabend. Dieser feierte am 17. September 2011 in den Räumlichkeiten des Kaufhauses am Puschkinplatz seine Premiere.

„Blickwechsel“ widmet sich jenen Biographien, die kaum in den Geschichtsbüchern und im Bewusstsein einer Stadt Raum finden. Es sind dies die Geschichten der „Zugezogenen“, die Geschichten von Menschen also, die aus den unterschiedlichsten Gründen nach Greiz gekommen sind, um hier zu leben: Migranten, darunter Flüchtlinge, Asylbewerber, Aussiedler... 

Wer sind die, die irgendwann einmal als „Fremde“ in dieser Stadt angekommen sind? Woher kommen sie? Und was bewegte sie dazu Greiz zur neuen Heimat zu erwählen? Ein Krieg? Eine Liebe, vielleicht? Die Werkstatt lädt ein, Perspektiven auszutauschen und Schätze der Stadt Greiz zu bergen, die erst durch die Augen der Zugezogenen sichtbar werden.

PRESSE

Mit dem unter Anleitung von Astrid Kohlmeier selbst entwickelten Stück "Blickwechsel" rückte die Schauspielwerkstatt des XX. Greizer Theaterherbstes die Geschichten von nach Greiz Zugereisten in den Mittelpunkt. Die Darsteller des einfühlsamen Stückes gaben dabei ausdrucksstark und mit nur punktuellen Schauspieleinlagen die Geschichten von Kriegsflüchtlingen, Asylbewerbern sowie der Liebe oder Arbeit wegen Zugezogener wieder. Foto: Marcel Hilbert

"Blickwechsel" bei Greizer Theaterherbst. Von Marcel Hilbert. In: OTZ. 19.09.2011.

Im Stück Blickwechsel erkunden die Mitwirkenden der Schauspielwerkstatt, was Menschen dazu bewegte, Greiz zu ihrer neuen Heimat zu machen. Die Premiere am Sonnabend lockte viele Interessierte ins Kaufhaus am Puschkinplatz.

Greiz. "Meine alte Heimat ist ein Märchen." Lilo ist 13 Jahre alt, als sie ihr vom Krieg bedrohtes Zuhause verlässt. Was folgt, ist eine mehrmonatige Odyssee, Nachtlager in Wäldern oder leerstehenden Gebäuden. Im Gepäck die ständige Angst, von Soldaten erwischt zu werden. "Naja, man darf den Humor nicht verlieren", sagt Lilo und beginnt, laut los zu lachen.

Für ihre intensiv und ausdrucksstark geschilderten Erlebnisse über die Flucht aus Liegnitz in Niederschlesien im kalten Januar 1945 erhält Lieselotte Pfüller langen Szenenapplaus. Ihre Geschichte ist Teil des Stückes "Blickwechsel", das am Sonnabend in der ersten Etage des Kaufhauses am Puschkinplatz uraufgeführt wird. Jan Bettermann, Katharina Leske, Annabel Hiebel, Annette Regner, Theresia Reinhold und Lilo Pfüller von der Schauspielwerkstatt des XX. Greizer Theaterherbstes werfen unter Anleitung der Grazer Regisseurin Astrid Kohlmeier ein Schlaglicht auf jene, die sich irgendwann einmal dazu entschlossen haben, Greiz zu ihrer Heimat zu machen.

In einer Collage aus Gesprächsmitschriften, Briefen, Tonbandaufnahmen und eigenen Erlebnissen zeichnen sie ein Bild über die Gründe, die Menschen dazu bewegten, nach Greiz zu kommen: Krieg, Arbeit, Flucht, Liebe, Vertreibung und andere. "Die längste Zeit unserer achtwöchigen Probearbeit hat die Recherche in Anspruch genommen", sagt Astrid Kohlmeier nach der gut einstündigen Premiere, die sehr viele Interessierte besuchten.

Punktuell und sehr bedacht wurden die Schauspiel-Einlagen gesetzt. Als eine Frau aus Aserbaidschan, die anonym bleiben will, in einem aufwühlenden Brief schildert, dass sie keine Geburtstagsfeier für ihr Kind ausrichten konnte, holen das die Darsteller spontan mit Girlanden, Ballons und einem Lied nach. Durch solche Ideen wurde das textlastige Stück aufgelockert, dem Geschilderten aber auch eine hohe Intensität und der eine oder andere Gänsehaut-Moment verliehen.

Für Schmunzeln sorgte Annabel Hiebel, als sie ihren Umzug 2001 von Plauen nach Greiz schilderte, ihre kindliche Vorstellung vom internationalen Flughafen Obergrochlitz, ihre Enttäuschung über die Realität und ihren Entschluss, die neue Heimat nicht zu mögen. "Heute lerne ich in Plauen und wohne in Greiz", sagt sie, die wie Lilo Pfüller ihre Geschichte selbst präsentierte, "Greiz hat etwas ungemein Tröstliches." Gleiches gilt für das Stück "Blickwechsel", dass neben einer gewissen Melancholie vor allem viel Zuversicht verbreitete.