DER OZEANFLUG - Eröffnungsspektakel des XIX. Greizer Theaterherbstes

nach Bertolt Brecht / Kurt Weill

Eröffnungsspektakel des XIX. Greizer Theaterherbstes

Künstlerische Leitung: Nico Dietrich

Regie: Astrid Kohlmeier, Tobias Sosinka

 

Eissporthalle Greiz, 10. September 2010, 19:00

Zwei Jahre nach dem ersten Non-Stop-Flug über den Atlantik schrieben Bertolt Brecht und Kurt Weill 1929 ihr erstes Lehrstück. Das technische Experiment waghalsiger Flugpioniere wurde zum Stoff für ein künstlerisches Experiment, von dem Brecht und Weill ebenso waghalsig behaupteten: „Das Lehrstück lehrt dadurch, daß es gespielt, nicht dadurch, daß es gesehen wird.“ Aufgeführt wurde dieses Stück mit Laienchören. Doch was haben diese dabei gelernt? Und können wir noch heute von dieser Pioniertat lernen? Jedenfalls gilt es in einer Zeit, in der wir einerseits von wunderbaren technischen Erfindungen umgeben, andererseits von globalen Krisen geplagt werden, uns gegenseitig Fragen zu stellen.

Beim diesjährigen Eröffnungsspektakel überqueren mehr als 200 flugbegeisterte Greizer den Ozean erneut. Vom Tänzer bis zur Schauspielerin, vom Schulchor bis zur Profimusikerin, vom Feuerwehrmann bis zum Kunstflieger…

Der Greizer Theaterherbst ist ein soziokulturelles Projekt. Es führt Amateure und nationale wie internationale Theaterprofis, darunter Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen und Tänzer, aber auch Bildende Künstler und Musiker zusammen. In gemeinsamer Arbeit über mehrere Monate werden in verschiedenen Werkstätten Theaterstücke, Performances und Aufführungen entwickelt, die in einer Festival-Woche, in diesem Jahr vom 10. bis 18. September, ihre Premiere haben.

PRESSE

Merbold kümmert sich um Lindbergh.

Greiz – Mit einem Absturz begann am Freitag der XIX. Greizer Theaterherbst. Ein Kunstflieger vollführt über der Eissporthalle seine Loopings und Rollen, ein Modellflugzeug folgt ihm nach, dann die Explosion, Feuerwehr und Krankenwagen bergen den Piloten.

Dies ist der spektakuläre Beginn des Eröffnungsspektakels des Festivals. Bertolt Brechts und Kurt Weills 1929 entstandenes Lehrstück „Der Ozeanflug“ haben sich der Berliner Regisseur Tobias Sosinka und seine Grazer Co-Regisseurin Astrid Kohlmeier zur Vorlage genommen und mit insgesamt 200(!) Mitwirkenden brillant in Szene gesetzt.

Es ist ein Stück, das nicht in erster Linie die technische und menschliche Leistung der ersten Atlantiküberquerung von Charles Lindbergh 1927 würdigt, sondern vielmehr Fragen zu Technikwahn und Technikgläubigkeit aufwirft und somit auch heute Aktualität besitzt.

Vier Greizer Spieler bilden den Kern der Inszenierung, ein ausdrucksstark spielender Jörg Flessa als Pilot, Steffi Jetschke, die sowohl spielerisch als auch gesanglich Professionalität bewies, sowie Elli Meier und Sybille Petermann, die wandlungsfähig Rollen von Ingenieren, Helfern oder auch Städten und Naturphänomenen übernahmen. Zum Aufsehen erregenden Spektakel, das zudem von Live-Musik getragen wurde, wurde die Umsetzung jedoch vor allem durch das geschickte und nie aufgesetzt wirkende Einbinden von Chören, Tanzgruppen oder der Theatergruppe des Wohnheims für Menschen mit einer Behinderung „Carolinenfeld“. Einer der Höhepunkte des in seinen zwar schlichten, aber äußerst erzählstarken Bildern eindrucksvollen Spiels war der Auftritt des Astronauten und Greizer Ehrenbürgers Dr. Ulf Merbold, der vor wenigen Monaten selbst in einem historischen Flugzeug den Atlantik im Auftrag der Hilfsorganisation „Luftfahrt ohne Grenzen“ überquerte. Merbold verlas den Epilog des Stücks.

„Vorwärts und...“, so das Motto des diesjährigen Festivals, bedeutet seit Freitag auch Vorwärts und weiter“, gilt es doch bis zum 18. September einen Marathon von 36 Veranstaltungen zu bewältigen. Nächste Station war am Samstag die von der Bühnenbildnerin Vera Koch geleitete Gestaltungswerkstatt. Die Mitwirkenden dieser Werkstatt präsentierten ihr Wandbild, das sie in den vergangenen Wochen an der Giebelfassade des Greizer Theaters gemalt haben und das in den nächsten Tagen weiter verändert wird. Über diesen Prozess entsteht ein Stopmotion-Trickfilm, der zum Abschlussabend des Theaterherbstes gezeigt wird.

Den klassischen Stoff der „Antigone“ brachten am Samstag bereits die Spieler der von Sebastian Stolz, Leiter des Jungen Schauspiels am Theater Eisenach, betreuten Werkstatt auf die Bühne in der Greika-Halle. Antigones „Nein“ zum Verbot König Kreons, ihren Bruder nicht beerdigen zu dürfen, verlegten die allesamt präsent und authentisch auftretenden Amateure in einen Kampfring. In zehn Runden entstaubten sie die Vorlage und offenbarten die Gegenwartsnähe des in Tod, Krieg und Verzweiflung endenden Konfliktes.

„Der kleine Bruder“ stand am Samstagabend im Greizer Theater auf der Bühne. Studierende der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ gastierten mit der in der Einrichtung von Regiestar Leander Haußmann („Sonnenallee“, NVA“) entstandenen Bühnenfassung des gleichnamigen Erfolgsromans von Sven Regener. Die rund 300 Zuschauer erlebten eine Komödie im besten Sinn, die von Frank Lehmans Suche nach seinem großen Bruder im Westberlin der 1980-er Jahre erzählt und sowohl allerhand skurrile Typen zu Tage fördert, als auch das Zeitkolorit der Vorwendezeit auf der „Insel im roten Meer“ augenzwinkernd beschreibt.

2010-09-20