DIE ORDNUNG DER GESELLSCHAFT NICHT STÜRZEN

Fridtjof Stolzenwald (Wild), Michaela Fent (Ratia)

Ein Spiel mit Friedrich Schillers "BRIEFEN ZUR ÄSTHETISCHEN ERZIEHUNG DES MENSCHEN" für Jugendliche und Erwachsene / Uraufführung

Text und Regie: Astrid Kohlmeier
Ausstattung: Rahel Seitz
Mit: Michaela Fent (Ratia), Fridtjof Stolzenwald (Wilde), Helwig Arenz (Friedrich Schiller)

Premiere: Fr., 18.02.2011, 20:00 Theater am Schweizerberg, Landestheater Schwaben

Weitere Vorstellungen: Mi. 23.02, Do. 24.02., Sa. 26.02., Sa. 05.03., So.06.03., So. 13.03., Di 15.03., Sa. 19.03, Do. 24.03., Di. 29.3., Sa. 02.04., Mi. 06.04., So. 10.04. / jeweils 20:00 Theater am Schweizerberg

 

Ob "Räuber", "Kabale", "Carlos" oder "Wallenstein". Immer wieder wird zum Leidwesen junger Menschen behauptet, der frühvollendete Dichter sei einer von ihnen. Aber was hat uns Schillers oft kompliziert konstruierte Kunstwelt heute tatsächlich noch zu sagen?

Schiller selbst hat sich bereits ab frühester Jugend in zahlreichen philosophischen Schriften seiner Gedanken selbst versichert und über die Zeit seines Schaffens ein faszinierendes und monumentales Gedankengebäude errichtet. Hierin ringt er, gleichsam von der künstlerischen  Gestaltung befreit, um Klarheit und Einsicht in die Mechanismen einer zerrütteten Welt, die so nicht bleiben darf, wie sie ist.

Heute führen Schriften wie Schillers "Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen" ein Schattendasein in der schulischen Rezeption und geistern als Halbsatz durch die Sekundärliteratur. Zu Unrecht.

Nichts Geringeres als das dialektische Verhältnis zwischen Natur und Staat, zwischen Fühlen und Denken, zwischen Freiheit und Notwendigkeit sind Schillers Gegenstände. Im Zentrum steht der Mensch. Er sei das „unselige Mittelding zwischen Vieh und Engel“, und nur er könne diesen scheinbar unüberbrückbaren Riss, der durch ihn geht, überbrücken. Doch dazu müsse er lernen, beide Seiten an sich zu akzeptieren, konsequent auszubilden und zu leben.

Die eine Seite ohne die andere führe in die Katastrophe. Nur die Ausbildung des Zusammenspiels beider Seiten mache den Menschen zum Menschen. Doch bis dieser und sein Zusammenleben im Staat genesen sei, brauche es die Kunst, die als einzige die Kraft habe, den Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.

So schreibt Schiller in den BRIEFEN ZUR ÄSTHETISCHEN ERZIEHUNG:

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Das Landestheater Schwaben wird dieses Spiel mit der Inszenierung "Die Ordnung der Gesellschaft nicht stürzen" wagen. Die Grazer Autorin und Regisseurin Astrid Kohlmeier (bisherige Inszenierungen am LTS: "Männliche Wimpern & Weibliche Zehen", "Windstrich", "Black Dogs", "Shakespeare, Mörder, Pulp & Fiktion") begibt sich mit dem Ensemble und den jungen Zuschauern auf eine abenteuerliche und verspielte Entdeckungsreise durch Schillers philosophische Briefe, folgt deren frecher Ernsthaftigkeit und ihrem anarchischem Witz. Der Klassiker darf vom Denkmalssockel herabsteigen und zu unserem Zeitgenossen werden, der uns weitaus mehr zu sagen hat, als wir bisher geahnt haben.

Ein sinnliches, spannendes und überraschendes Theaterabenteuer, das die Frage nach der Notwendigkeit, Wirkung und Legitimierung von geschellschaftlichen Umbrüchen, von Widerspruch, Opposition und Rebellion stellt...

PRESSE

Schiller als Freund bei Facebook. Uraufführung im Theater Memmingen. Von Brigitte Hefele-Beitlich. In: Memminger Zeitung. Allgäu-Rundschau. 21.02.2011.

Memmingen. Hat Astrid Kohlmeier abgeschrieben? Ja, und das gibt sie auch offen zu: Die junge Grazer Autorin und Regisseurin hat aus Friedrich Schillers "Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen" für ihr Stück geschöpft, das jetzt auf der Studiobühne des Landestheaters Schwaben uraufgeführt wurde. Selbstverständlich hat sie die Originalzitate in ihrem Theatertext "Die Ordnung der Gesellschaft nicht stürzen" mit Fußnoten versehen. Und das Schillers philosophisches Gedankengut in die Dialoge des Zweipersonen-Stücks auf erfrischend moderne Weise einfließt, ist ihr wohl kaum anzukreiden.

Im Gegenteil, denn gerade das Hereinholen von Schillers Thesen in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts war Intention dieser Auftragsarbeit, die vor allem Jugendliche ansprechen will. Kohlmeier (27), die selbst inszeniert hat, wählt dafür ein Medium, in dem Sein und Schein, Realität und Fiktion ohnehin kaum noch zu unterscheiden sind: das Internet. Schiller ist der Facebook-Freund von Ratia (Michaela Fent), einer intellektuellen Leseratte, die sich wahlweise mit dem Laptop oder einem gelben Reclamheftchen in der Hand zum Date mit ihrem genialen Idol träumt.

Freak und Schulabbrecher

Stattdessen trifft sie auf Wilde (Fridtjof Stolzenwald), den Freak und Schulabbrecher, dem Bücher fremd und kluge Worte zuwider sind. Skeptisch reagiert er auf Ratia, aus der der Idealismus nur so heraussprudelt, die über Freiheit und den Mut, die Welt zu verändern sinniert. (Zumindest virtuell kommt auch Schiller selbst, Helwig Arenz, als Redner "Über die gesellschaftlichen Zustände" einmal zu Wort.)

Ratia ist geradezu verliebt in Schillers geistige Welt - Wilde holt sie immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Einen Raum aus aufgestapelten Umzugskartons hat Bühnenbildnerin Rahel Seitz für dieses spannende Spiel aus Annäherung und Abstoßung geschaffen. Die Kartons sind schnell umgestapelt und damit quasi ein Sinnbild für eine junge Generation, die sich ungern auf etwas Verbindliches einlassen will. Als Wilde die philosophische Dauerberieselung schließlich zu viel wird, baut er einfach einen (Elfenbein-) Turm um Ratia herum und verschwindet mit E-Gitarre und Jimi Hendrix' "Wild Thing" auf den Lippen. Ein starker Abgang.

Unverkrampfte Begegnung

Überzeugend agieren beide Darsteller in diesem Stück, das zur überraschend unverkrampften Begegnung mit dem Klassiker wird. Dass es am Ende keinen Verlierer gibt, zählt zu den Stärken des Textes - und der Präsenz der Schauspieler, die sich die Bälle temporeich auf Augenhöhe zuspielen. Viel Applaus gab es dafür auch vom stark vertretenen jugendlichen Publikum am Premierenabend.