SHAKESPEARE, MÖRDER, PULP & FIKTION

Dino Nolting (1. Mörder), Martin Selle (2. Mörder)

Von John von Düffel.

Regie: Astrid Kohlmeier

Ausstattung: Rahel Seitz

Mit: Dino Nolting, Martin Daniel Selle, Michael Schöffel

 

Do., 14.10.2010, 20:00 Premiere Shakespeare, Möder, Pulp & Fiktion

3. Mindelheimer Theaterherbst / Stadttheater Mindelheim

 

Fr., 22.10.2010, 20:00 Shakespeare, Möder, Pulp & Fiktion

Theater am Schweizerberg / Landestheater Schwaben

22:00 Jack Rabitt Slims Contest

 

Weitere Vorstellungen: 23., 24., 27., 29., 30., 31. Oktober,

5., 6., 7., 10., 13., 14. November 2010, jeweils 20:00 Uhr.

Karten & Info: +49 /(0)8331 9459-16

 

"Ich hab so'n historisches Gefühl im Bauch. Als würden wir mit unseren Colts Geschichte schreiben."

Die Großen dieser Welt haben schon immer die kleinen Ganoven vorgeschickt, um sich nicht die Finger schmutzig machen zu müssen. So auch bei Shakespeare. In seinem Historienstück "Richard III" werden zwei Killer für einen Brudermord in den Tower geschickt. Eigentlich Routine, als sie jedoch das Opfer erreichen, liegt es in tiefem Schlummer. Weckt man ihn also auf, bevor man ihn killt? Darf man ihn in seinem letzten Schlaf stören? Schon bei Shakespeare entspinnt sich zwischen Henkersknechten ein Disput über den Kopf ihres Opfers hinweg, ob und wie und wann und warum überhaupt gemeuchelt werden soll oder doch besser nicht. Es entspinnt sich ein bös-banaler Dialog, eine Rüpel- und Tölpelszene, ein Riesenkalauer mit tödlichem Ausgang.

Mit großem Sprachwitz würfelt von Düffel die Zeiten und Genres durcheinander. Seine Antihelden hadern mit sich und dem Schicksal, mit dem Guten, das sie nicht kriegen, und dem Bösen, das sie nicht hinkriegen - und dann, am Ende, löst sich doch noch ein Schuss...

PRESSE

Meuchelmörder habens nicht leicht. Von Verena Kauflersch. In: Allgäu Rundschau. 28.10.2010.

In der neuen LTS-Produktion reichen sich Shakespeare und Tarantino die Hand

Tränen lachen bei Shakespeares Richard III.? Das neue Stück des Landestheaters Schwaben «Shakespeare, Mörder, Pulp & Fiktion» im Theater am Schweizerberg in Memmingen machts möglich. Aus dem blutgetränkten Königsdrama hat Autor John von Düffel eine Szene gewählt, in der zwei Mörder angesichts ihres schlafenden Opfers Gewissensbisse plagen. Bei von Düffel sind es Pulp und Fiktion, Karikaturen eines Killer-Duos, die ins Zaudern geraten und sich Lebenskrisen beichten, gemäß dem Motto Meuchelmörder habens auch nicht leicht.

Erfreulich unverkrampft packt das Stück, inszeniert von Astrid Kohlmeier, die Shakespeare-Vorlage an. Ein weiterer Einfluss ist deutlich: Denn der abgebrühte Pulp (Dino Nolting) mit schwarzem Anzug, Ohrring und gegeltem Haar sowie sein Kompagnon Fiktion (Martin Daniel Selle) mit irrer Irokesenfrisur, viel Temperament und einer Sparportion Intellekt erinnern nicht nur durch ihre Namen an den Film des US-amerikanischen Regisseurs Quentin Tarantino. Auch das überzogen coole Agieren und die Dialoge voller Absurditäten und Wortwitz gehören in sein Stilarsenal. «Wenn wir ihn im Schlaf umbringen, dann bringen wir ihn um seinen Schlaf», gibt Fiktion mit Blick auf Opfer Clarence (Michael Schöffel) zu bedenken. Pulp siehts pragmatisch: «Ich weck ihn ja nur kurz, dann kann er ewig schlafen.

 »Aber der Job von Pulp und Fiktion ist kein leichter: «Ich hab alles drangegeben für Wein, Weib und Gesang. Und dann ist außer Spesen nix gewesen», jammert Pulp mit Blick auf den Knick in seiner Killerkarriere.

Spiel mit Klischees und Slapstick

Nolting und Selle agieren mit viel Gespür für Pointen und nutzen Klischees, ohne sie zu erfüllen. Slapstickartige Effekte werden gekonnt eingesetzt, etwa wenn Fiktion purzelbaumschlagend seine Waffe sucht, Pulp mit blonder Perücke und Steckenpferd auf die Bühne galoppiert oder beide in Boxershorts und Halbschuhen tanzen.

Stets durchbricht das Stück Ebenen und Erwartungen - und bleibt so originell: Mal verharren die Sprecher in der Shakespeare-Zeit, um sich dann, etwa durch zitierte Filmszenen, auf das Heute zu beziehen. Und dann murren die Figuren auch über ihre Rolle im Stück. Ein intelligentes, vielschichtiges und rasantes Spiel.

Nächste Vorstellungen: 30. und 31. Oktober sowie 5., 6., 7., 10., 13. und 14. November (die Termine 27. und 29. Oktober entfallen wegen Erkrankung).

 Schräges Mörder-Duo: Martin Daniel Selle (als Fiktion) und Dino Nolting (als Pulp) in der neuen Landestheater-Produktion.

 

 

Die wiederbelebte Theaterszene. Von Franz Issing. In: Augsburger Allgemeine. 16.10.2010.

Wenn man den Erfolg eines Theaterstückes am Applaus der Besucher misst, dann wird die vom Landestheater Schwaben mit viel Wortwitz angereicherte Geschichte „Shakespeare, Mörder, Pulp & Fiktion“ sicher ein Renner. Das Premierenpublikum in Mindelheim zeigte sich jedenfalls vom amüsanten Spiel zweier für einen Mord an einem „hochwohlgeborenen Herzog“ gedungenen Killern hellauf begeistert.

„Frech, mutig, unterhaltsam und obendrein einfallsreich“ kommentierten die Zuschauer das Geschehen auf der Studiobühne, wo eine Rüpel- und Tölpelszene die nächste jagte. Man war sich der Ehre einer Premiere durchaus bewusst. „Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass wir mit einer Uraufführung in einen Gastspielort gehen“, machte sich Intendant Walter Weyers lieb Kind. Das gute Verhältnis zwischen Stadt, Kulturamt und Landestheater hätte die Entscheidung dafür leicht gemacht. Die Stücke für das diesjährige Herbstfestival seien exakt auf Mindelheim zugeschnitten, „weil wir wissen, was beim Publikum gut ankommt“, schmeichelte der Intendant Gästen und Veranstaltern. Weyers rief in Erinnerung: „Theaterfestivals, wie es sie seit drei Jahren hier gibt, waren für uns völliges Neuland, und Mindelheim eine Pioniertat.“

Im großen Saal des Forums herrschte intime Studioatmosphäre. Die Bestuhlung war in L-Form um die Bühne angeordnet und das Geschehen auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“ für jedermann zum Greifen nahe. „Wir haben euch wohl beim Warten gestört“, scherzten die Schauspieler, als sie sich zu Beginn der Aufführung durch die Sitzreihen drängten, vieles sagten, aber nichts von der Handlung des Stückes vorweg nahmen. Der schwarze Humor feierte 60 Minuten lang fröhliche Urständ und am Ende waren Publikum und Mimen gleichermaßen völlig aus dem Häuschen. Bei ihren Wortgefechten scheuten sich die Protagonisten nicht Zeit und Genres beliebig durcheinander zu werfen und wenn ihnen gerade nichts einfiel, legten sie auch mal eine kesse Sohle aufs Parkett. „Einfach umwerfend“, fanden dies die Zuschauer und schüttelten sich vor Lachen.

„Jetzt haben wir den Salat, das viele schöne, blaue Blut“, jammerten die beiden „Mörder“ als sich quasi als Knalleffekt plötzlich wie von selbst ein Schuss löste und dem schaurig, schönen Spiel ein Ende bereitete. Bei der Premierenfeier im Forum - die Stadt ließ Getränke und Häppchen servieren - suchten die Schauspieler das Gespräch mit den Zuschauern. „Hut ab vor deren Leistungen“, urteilte die Mehrheit und bescheinigte der Regisseurin Astrid Kohlmeier einen „gelungenen Spagat zwischen klassischem und modernem Stoff“. „Sehr unterhaltsam und gut gelungen, aber auch nachdenklich stimmend“ fand Kathrin Höse aus Bedernau das Gastspiel der Memminger Theaterleute. Gerda-Marie Büllmann gab der jungen Frau recht. Die Vorsitzende des Kunstvereins ist glücklich über die Wiederbelebung der Theaterszene in Mindelheim. Ihr hat „Shakespeare, Mörder, Pulp & Fiktion ebenso viel Spaß gemacht wie Gabi Kirner, die vor allem gute schauspielerische Leistungen bescheinigt, aber der Inszenierung insgesamt nicht die Note eins gibt. „Die hat mich nicht gerade vom Hocker gerissen“, lautet ihr Urteil. „Da hätte ich mir etwas mehr Biss gewünscht.“

Vermindert schuldfähig

In einem waren sich alle Zuschauer aber einig. Die beiden „Killer“ hätten bei dem „mörderisch schönen Stück“ mit großer Spielfreude agiert, nichts habe bei ihnen auf Lampenfieber hingedeutet, „wenn ihr Adrenalinspiegel sich scheinbar auch von Szene zu Szene steigerte“. Hätten die beiden Ganoven wirklich jemanden vom Leben zum Tod befördert, jeder Richter hätte ihnen angesichts ihres hohen Pulsschlages wohl verminderte Schuldfähigkeit attestiert.

Theaterherbst Heute abend zeigt das LTS im Forum „Rauhnacht“. Das Krimi-stück mit Kultkommissar Klufti ist bereits ausverkauft

 

Von Eva-Maria Frieder. In: Augsburger Allgemeine. 14.10.2010.

Mindelheim „Richard III.“, Shakespeares meist gespielte Tragödie, entstand 1592, Quentin Tarantinos Kultfilm „Pulp Fiction“ rund 400 Jahre später. Besonders viel gemeinsam haben die beiden naturgemäß nicht. Abgesehen vom Auftritt zweier Blödmänner, die als Killer agieren.

Zeiten und Genres zu einem absurden Cocktail gemixt

Der Autor John von Düffel (1966 in Göttingen geboren) machte diese Gemeinsamkeit zur Grundlage seiner Parodie „Shakespeare, Mörder, Pulp & Fiktion“. In einem einstündigen Kammerspiel mixt er Zeiten und Genres zu einem absurden, tragikomischen Cocktail, den das Landestheater Schwaben (LTS) - wunderbar inszeniert und gespielt - heute Abend auf die Bühne des Mindelheimer Forums bringt.

Mörder 1 (Dino Nolting) und Mörder 2 (Martin Daniel Selle) sollen im Tower von London Clarence (Michael Schöffel), den Bruder des Herzogs von Gloster, vom Leben zum Tode befördern, um für den Herzog den Weg zum Thron frei zu machen.

Die beiden Profi-Killer, die sich, in bester Tarantino-Manier, zunächst beinhart und obercool geben, entpuppen sich zunehmend nicht nur als Trottel, sondern auch als zartfühlende Sensibelchen. Den anfangs geäußerten Grundsatz „Nur ein stummer Schlächter ist ein guter Schlächter“ führen sie gnadenlos ad absurdum.

Statt simpel ihren Auftrag zu erfüllen, geraten sie über dem schlafenden Opfer in einen skurrilen grüblerischen Disput: Darf man einen Schlafenden umbringen? Müsste man ihn nicht anstandshalber vorher wecken? Und überhaupt - hat der wirklich so einen üblen Charakter, nur weil er von hoher Geburt ist? Und hohe Geburt, was ist das überhaupt?

Über ihren unsinnigen Killersorgen vergessen die zwei Jammerlappen Auftrag und Opfer, steigern sich in irrwitzig-weltanschauliches Räsonieren hinein und kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen, ziehen sich zwischendurch eine Line rein und werden immer ratloser.

Mörder 1 bricht schließlich heulend zusammen über der Erkenntnis: „Meine Karriere ist Arsch! Wir sind beide Versager!“ Mörder 2 öffnet seinen Geigenkasten und zieht - nicht die erwartete Pumpgun heraus, sondern eine feuerrote Mini-Ukulele. Der Auftrag läuft aus dem Ruder. Dass sich schließlich doch noch ein Schuss löst, ist eher Zufall.

Gastregisseurin und Autorin Astrid Kohlmeier, die schon früher als Regie-Assistentin beim LTS tätig war, hat das Original-Stück neu bearbeitet und einige Szenen hinzu gefügt; etwa den (zwar inhaltlich recht dünn motivierten, aber dramaturgisch durchaus gerechtfertigten) Tanz, der Travolta und Thurman unvergesslich gemacht hat; und den Nolting und Selle grandios parodieren. Die beiden agieren mit herrlicher Spielfreude. Der Sprachwitz, der sich bisweilen zu höherem Blödsinn steigert, der schwarze Humor und die doppelbödigen, halsbrecherischen Perspektivenwechsel des Stücks entfalten sich in ihrer und Kohlmeiers Interpretation zu schönster Blüte.

Reizvoll aufgewertet wird das karge Bühnenbild - mit Plastikplanen hinterlegte Bauzäune - durch raffinierte Schattenspiele.

Karten für die heute um 20 Uhr beginnende Vorstellung im großen Saal des Forums gibt es noch beim MZ-Ticketservice und bei Schreibwaren Rauch. Ab 19.30 Uhr spielt die Big Band des Maristenkollegs im Foyer. Um 20 Uhr eröffnet Bürgermeister Winter offiziell das Festival. Nach der Vorstellung findet eine Premierenfeier mit den Schauspielern statt.