WINDSTRICH

Helwig Arenz (Paludes), Undine Schmiedl (Lilla)

Windstrich von Walter Weyers, Landestheater Schwaben 2009
(Premiere: 24.04.2009)  

Regie: Astrid Kohlmeier
Bühne & Kostüme: Anne Sevenich
Mit: Undine Schmiedl, Helwig Arenz, Klaus Teigel

Weitere Fotos der Aufführung sind in der Bildgalerie zu sehen
Fotos: © Philippe Wolk 2009

PRESSE

Drei Schiffbrüchige kämpfen ums überleben
In: Memminger Zeitung. Allgäu Rundschau. 22.04.09

«Der Kannibalismus ist in Windstrich eher eine Chiffre», erzählt Weyers. «Das Stück wirft mit der Problematik der Flüchtigen, der Verstoßenen und der Heimatlosen existenzielle Fragen auf. Ihnen wird die Menschenwürde aberkannt in einer Welt, die es auf die Verwertbarkeit des menschlichen Lebens abgesehen hat», so Weyers. «Das Stück enthält auch politische Anspielungen», verrät die Regisseurin Astrid Kohlmeier. Doch auch sie betont die Allgemeingültigkeit des Szenarios: «Solche Überlebenskämpfe sind zeitlos, allgegenwärtig. Sie finden nicht nur auf einem Floß statt, sondern überall dort, wo Menschen miteinander leben müssen und aus gesellschaftlichen, ökonomischen, psychischen oder physischen Gründen nicht ausbrechen können: in Klassenzimmern etwa oder Schlafzimmern, in Büros, Werkstätten, Fabriken, Flüchtlingslagern.» ...

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Windstrich von Walter Weyers
In: Kleines Journal. Programmheft. Landestheater Schwaben. 24.04.09 

Wie ich … überleben konnte? Mein Grundsatz war: zuerst ich, dann wieder ich und danach noch einmal ich. Dann lange nichts. Und dann wieder ich. Und dann erst alle anderen. Die Ärztin E. Lingens-Reiner zit. nach Primo Levi, 1990.

Die kannibalische Ordnung, überkommen von den Anfängen der Menschheit her, existiert. So wie das Tabu des Tötens in Form sanktionierter staatlicher Gewalt, z.B. im Krieg, schnell aufgegeben wird, finden wir auch in europäischen >>Hochkulturen<< kannibalismusähnliche Vorgänge, z.B. die industrielle Verwertung von Menschen in den deutschen Konzentrationslagern. Auch im Verhältnis der Ersten zur Dritten Welt scheint ein verleugneter Kannibalismus vorzuherrschen, da wir sehr genau wissen, daß unsere Art des Lebens nur aufgrund einer gewaltigen Ausbeutung und Vernichtung der Ressourcen eines anderen Teils der Menschheit möglich ist.  Alf Gerlach, 1996.

Glauben Sie mir, aufessen wollte ich ihn, aber töten wollte ich ihn nicht. A.M., der so genannte „Kannibale von Rothenburg“, in einem Beileidschreiben an Angehörige seines Opfers B.B. Hamburger Abendblatt, 31.1.2004.

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 "Hass & Hunger. Walter Weyers' >>Windstrich<<"
In: Memminger Zeitung. 27.04.09 

Das Landestheater Schwaben brachte mit "Windstrich" aus der Feder des Intendanten Walter Weyers ein verstörendes Stück zeitloser Zeitgeschichte auf die Bühne: Was 1816 beim Schiffbruch der französischen Kolonia-Fregatte "Medusa" am Kannibalismus der Überlebenden zerbrach, war nicht zuletzt der Glaube an das Gute im Menschen. Barbarisch erscheint in Weyers' Drama nicht so sehr, dass der Mensch sich rettet, sondern dass er es zulässt, dass andere dabei zugrunde gehen.

So subtil verkörpern Undine Schmiedl, Helwig Arenz und Klaus Teigel ihre Rollen, dass zwischen Liebe, Hass, Eifersucht und Begierde, zwischen Hunger, Durst und Kälte der innere Kampf der Protagonisten hinter der an Projektionen und Schuldzuweisungen scheiternden Kommunikation deutlich spürbar wird. Herrvorragend fügt sich Anne Sevenichs Bühnenbild, eine umgekippte Schiffsbar mit der vieldeutigen Überschrift "All you can eat", ins Bild des untergehenden "Anything-goes"-Kapitalismus. Transportiert doch Walter Weyers' Floß nichts Geringeres als den Untergang der modernen Zivilisation, die an der Plünderungökonomie der kapitalistischen Gesellschaft zerschellt...

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"Gegen den Strich". Astrid Kohlmeier inszeniert Walter Weyers >> Windstrich<<
In: Memminger Kurier. 29.04.09

Walter Weyers, der so großartige Inszenierungen wie seinerzeit den Urfaust auf die Bühne brachte, zeigt  leider auch des öfteren einen fatalen Hang zu drastischen Darstellungen nach dem Motto "Die Nackten und die Toten" mit reichlich Theaterblut. 

Astrid Kohlmeier hat sich am Landestheater Schwaben in der Spielzeit 2006/2007 einen Namen gemacht: einmal mit der Szenencollage "Männliche Wimpern & Weibliche Zehen", aber vor allem mit der Uraufführung ihres selbst verfassten Stückes "Grüne Organe"  durch Peter Dorsch, in dem sie sehr sensibel mit dem Thema des illegalen Organhandels umgeht. Überraschend daher, dass sie hier  so stark auf Realismus setzt. Auch wenn es sich natürlich bei dem Toten um eine Puppe und dem Herz um eine Frucht handelt, könnte dem Zuschauer durchaus übel werden, denn hier lässt ihm die Phantasie keinen Spielraum mehr. Grässliche Medienberichte über das Flugzeugunglück in den Anden vor vielen Jahren werden wieder wach. Die Leistung der drei Schauspieler ist zweifellos bemerkenswert und wurde vom Premierenpublikum mit reichlich Schlussapplaus belohnt...

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